Prothesenunterfütterung

Durch eine Prothesenunterfütterung – kurz Unterfütterung genannt – werden Sitz, Halt und Funktion einer vorhandenen Prothese verbessert, indem diese an veränderte Verhältnisse der umgebenden Weichteile und des tragenden Kieferknochens neu angepasst wird.

Die Mundschleimhaut und der durch sie bedeckte Kieferknochen sind durch eine Prothese ständigem Druck ausgesetzt. Eine Prothese muss daher diesen Druck über ihre sogenannte Basis so gleichmäßig wie möglich auf das Prothesenlager verteilen und die belasteten Hart- und Weichgewebe dadurch weitgehend schonen.

Der Kieferknochen reagiert dennoch auf die Druckbelastung, indem er sich zurückbildet. Dies führt zu einer allmählichen Alveolarkammatrophie (Rückgang des ehemals Zahn tragenden Anteils des Kieferknochens), die sich besonders nachteilig für den Prothesenhalt im Unterkiefer auswirkt. Die Form von Prothesenbasis und Prothesenlager stimmt nicht mehr überein.

Auch die umgebenden Weichgewebe sind Veränderungen unterworfen. Gewichtsschwankungen, aber auch Muskelabbau der Wangen- und Lippenmuskulatur führen dazu, dass die Prothesenränder durch die Weichteile schlechter abgedichtet werden, sodass eindringende Luft die Saughaftung der Prothese reduziert oder Nahrungsreste zu Reizungen führen.

Nicht nur für totale Prothesen (Vollprothesen), sondern auch für den von Schleimhaut getragenen Anteil einer Klammerprothese oder eines kombinierten Zahnersatzes wie z. B. einer Teleskopprothese kann sich die Notwendigkeit einer Unterfütterung ergeben. Hier führt die Atrophie des Kieferknochens zu einer übermäßigen Belastung der verbliebenen Zähne, die dadurch gelockert werden können. Freiendprothesen sinken zu weit ein und lenken dadurch die abstützenden Zähne zu stark aus.

Aus den genannten Gründen ist es wichtig, die Prothese den veränderten Verhältnissen immer wieder mit Hilfe einer Unterfütterung anzupassen. Dabei bleibt der Kauflächenkomplex (die im Kunststoff aufgestellten Zahnreihen) unberührt. Lediglich die Prothesenbasis (zum Kiefer zeigende Seite der Prothese) wird der Mundsituation neu angepasst.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Rezidivierende (wiederkehrende) Druckstellen
  • Mangelhafte Fixierung der Prothese durch die umgebenden Weichgewebe
  • Retention (lat.: retinere = „zurückhalten“) von Speiseresten unter dem Prothesenrand
  • Prothese lockert sich beim Kauen oder Sprechen – zu wenig Saughaftung
  • Zahnlockerungen der mit Klammern, Teleskopkronen oder Geschieben versorgten Zähne
  • Schmerzen an den Pfeilerzähnen – durch die zunehmende Belastung, weil die von Schleimhaut getragenen Prothesenareale schlechter abgestützt sind
  • Nach Prothesenerweiterungen im Bereich extrahierter (gezogener) Zähne

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

  • Veränderung der Kieferrelation (Lagebeziehung beider Kiefer zueinander) erforderlich – sowohl bei zu hoher als auch zu niedriger Relation, letzteres bei stark abradierten (abgeriebenen) Prothesenzähnen, stellt sich die Indikation zur Neuanfertigung einer Prothese
  • Deutlich unterextendierte (viel zu kurze) Prothesenränder – Neuversorgung
  • Notwendigkeit zur präprothetischen Chirurgie (chirurgische Korrekturen am Prothesenlager vor Neuversorgung)
  • Unverträglichkeit gegen Methymethacrylat – Alternativen: Polycarbonate, Polyacetale, Polyamide, Kautschuk

Die Verfahren

I. Direkte Unterfütterung

Diese Art der Unterfütterung weist im Vergleich zu der unter II. genannten indirekten Methode deutliche Nachteile auf. Da die Abbindereaktion drucklos abläuft, ist das erhärtete Unterfütterungsmaterial porös und daher anfälliger für das Anhaften von Speiseresten und Bakterien und dadurch weniger hygienefähig. Da die Aushärtung bei Körpertemperatur erfolgen muss, verbleibt mehr Restmonomer im Material, wodurch die Gefahr einer Allergisierung gegen den Prothesenkunststoff größer ist. Zudem ist die plastische Phase, in der die Materialränder funktionell ausgeformt werden können, nur sehr kurz.

Direkte Unterfütterungen sind deshalb in der Regel lediglich eine temporäre (zeitlich überbrückende) Maßnahme, bis die Funktionstüchtigkeit der Prothese mit einer zeitaufwändigeren, indirekten Unterfütterung wiederhergestellt werden kann.

Vorgehensweise:

  • Vorbereitung der Prothese – Reinigen und Aufrauen der Prothesenbasis (der Schleimhaut zugewandten Prothesenseite)
  • Anmischen von kalt polymerisierendem (aushärtendem) Kunststoff auf PMMA-Basis (Polymethylmethacrylat)
  • Auftragen des Kaltpolymerisats auf die Prothesenbasis
  • Einbringen in den Mund und Fixieren in der Endposition bis zum Erhärten des Kunststoffes
  • Funktionsabformung zur Neugestaltung der Prothesenränder – Vor Erhärten des Unterfütterungsmaterials werden aktive und passive Funktionsbewegungen gemacht, um die Prothesenränder dem umgebenden Weichgewebe beim Kauvorgang, Schlucken und Sprechen zu adaptieren.
  • Nacharbeiten der Ränder

II. Indirekte Unterfütterung

Für eine indirekte Unterfütterung wird die Prothese nach entsprechender Vorbehandlung beim Zahnarzt im zahntechnischen Labor hergestellt.

Vorgehensweise Zahnarzt:

  • Vorbereitung der Prothese – Reinigen
  • ggf. funktionelle Randgestaltung – Auf zu kurze Prothesenränder wird thermoplastisches Material aufgetragen und der Weichteilsituation angepasst.
  • Anmischen von Abformmaterial – in der Regel additionsvernetzendes Silikon oder Polyäther
  • Aufbringen des Abformmaterials auf die Prothesenbasis
  • Einbringen in den Mund 
  • Fixieren in der Endposition bis zum Erhärten der Abformmasse – entweder durch den Zahnarzt (mundoffene Technik) oder durch den Patienten bei Zahnreihenschluss (mundgeschlossene Technik)
  • Funktionsabformung –  aktive und passive Funktionsbewegungen vor Aushärtung der Abformmasse (vgl. I.)

Labor:

  • Ausgießen der Abformung mit Gips
  • Sockeln in einem Hilfsgerät (Unterfütterungsgerät, Fixator oder Artikulator), um die vertikale Relation (Bisshöhe) zu sichern
  • Herstellen eines Konters  – Ausgießen der oralen (der Mundhöhle zugewandten) Prothesenseite ebenfalls mit Gips. Der Konter ist in seiner Lagebeziehung zu Prothese durch das Hilfsgerät eindeutig fixiert.
  • Entfernung der Abformmasse
  • Anschleifen der Prothesenbasis (Kieferseite der Prothese)
  • Auffüllen der hohl gelegten Bereiche – entweder mit Kaltpoymerisat (vgl. I.) und anschließender Auspolymerisation (Aushärtung) im Drucktopf oder Heißpolymerisat mit nachfolgender Aushärtung unter Druck im Wasserbad.
  • Ablösen der Prothese vom Gipssockel
  • Ausarbeiten der Grenzzonen und Endpolitur der gesamten Prothese

Zahnarzt:

Bei der Wiedereingliederung der unterfütterten Prothese werden folgende Parameter kontrolliert und ggf. korrigiert:

  • Okklusion (Schlussbiss und Kaubewegungen)
  • Bewegungsfreiheit für Lippen-, Wangen- und Zungenbändchen
  • Einlagerung der Funktionsränder in die umgebenden Weichteile

III. Weichbleibende Unterfütterung

Die Vorgehensweise entspricht der einer indirekten Unterfütterung, wobei das zahntechnische Labor die Schichtdicken des weichen Unterfütterungsmaterials den unterschiedlichen Belastungszonen anpasst. Ein besonders ungünstiges Prothesenlager, wie es bei einer Unterkieferatrophie (Unterkiefer mit starkem Abbau des ehemals Zahn tragenden Knochenanteils) vorliegt, ist hierdurch weniger druckstellengefährdet.

Ein weich bleibendes Unterfütterungsmaterial auf PMMA-Basis (Polymethylmethacrylat) enthält sogenannte Weichmacher, die dafür sorgen, dass die Prothesenbasis komprimierbar ist. Allerdings verflüchtigen sich insbesondere externe (zugesetzte) Weichmacher mittelfristig, sodass der Kunststoff nach sechs bis zwölf Monaten versprödet. Ist das Material von sich aus elastisch, behält es seine Elastizität zwar länger bei, ist aber wenig farbstabil. Eine Keimbesiedelung dieser Materialien ist leichter möglich als bei harten Unterfütterungskunststoffen, sodass hierdurch wiederum Schleimhautreizungen entstehen können.

Unterfütterungen auf Polysiloxanbasis sind deutlich beständiger und daher vorzuziehen.

Nach dem Verfahren

In der Regel wird zeitnah ein Termin zur Druckstellenkontrolle vereinbart.

Mögliche Komplikationen

  • Druckstellen
  • veränderte Okklusion (Schlussbiss und Kaubewegungen) durch unterfütterungsbedingte Veränderung der vertikalen Relation (Bisserhöhung)

Literatur

  1. Eichner K: Zahnärztliche Werkstoffe und ihre Verarbeitung. Bd. 1. Hüthig Verlag 1981: 150 f
  2. Eichner K, Kappert HF (Hrsg): Zahnärztliche Werkstoffe und ihre Verarbeitung. Bd. 1. Hüthig Verlag 2005: 200 f, 228 f
  3. Gründler H., Stüttgen U.: Die Totalprothese IV.  Dental Labor 2005: 205 f

     
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