Speicheltest auf Laktobazillen

Speicheltest auf Laktobazillen (Milchsäurebakterien) ist ein mikrobiologisches (keimkundliches), in der Regel semiquantitatives Kulturverfahren (halbquantitatives Anzüchtungsverfahren) zur Erfassung der Laktobazillenlast im Speichel. In der zahnärztlichen Diagnostik (zahnmedizinischen Untersuchung) kann er als ergänzender Baustein einer multifaktoriellen Kariesrisikobeurteilung (Einschätzung des Kariesrisikos) eingesetzt werden. Nach aktueller Evidenz ist er jedoch kein eigenständig validierter Stand-alone-Test zur Kariesvorhersage; moderne Risikomodelle gewichten klinische Befunde (Untersuchungsergebnisse), bisherige Karieserfahrung, Ernährungsverhalten, Plaque (Zahnbelag), Fluoridexposition (Kontakt mit Fluorid) und Speichelfaktoren höher als die isolierte bakterielle Speichelkultur (Keimanzucht aus Speichel).

Synonyme

  • Laktobazillentest im Speichel
  • Speichelkultur auf Laktobazillen
  • Nachweis der salivären Laktobazillenlast
  • Lactobacillus-Test im Speichel
  • Semiquantitativer Speicheltest auf Laktobazillen

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Stimulierter Gesamtspeichel
    • Steriles Auffanggefäß
    • Ggf. Paraffinpellet oder geschmacksneutraler Kaugummi zur standardisierten Speichelstimulation
    • Selektives Kulturmedium für Laktobazillen oder kommerzielles Dip-Slide-/Chairside-Testsystem
    • Inkubationssystem bei 37 °C
  • Vorbereitung des Patienten
    • Standardisierte Speichelgewinnung, möglichst unter vergleichbaren Bedingungen bei Verlaufskontrollen
    • Vor der Probengewinnung möglichst keine unmittelbar vorausgehende Nahrungsaufnahme, keine süßen Getränke und keine Zahnreinigung kurz vor der Testung, sofern das verwendete Testsystem dies verlangt
    • Herstellerspezifische Vorgaben des jeweiligen Testsystems sind einzuhalten
    • Nach kürzlich erfolgter Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) oder unter antibakteriellen Mundspüllösungen ist die Aussagekraft eingeschränkt; in solchen Konstellationen sollte die Testung verschoben werden
  • Störfaktoren
    • Kürzlich erfolgte Antibiotikatherapie
    • Antiseptische Mundspüllösungen
    • Geringe Speichelmenge/Hyposalivation (verminderter Speichelfluss)
    • Unstandardisierte Speichelstimulation
    • Verzögerung zwischen Probenentnahme und Beimpfung
    • Testsystemspezifische Unterschiede von Nährmedium, Inkubationsdauer und Auswertung
    • Visuelle semiquantitative Ablesung mit eingeschränkter Reproduzierbarkeit zwischen Untersuchern
  • Methode
    • Entnahme von stimuliertem Speichel
    • Auftrag auf selektives Kulturmedium bzw. Dip-Slide
    • Inkubation meist für 48-72 h bei 37 °C
    • Semiquantitative Beurteilung der Koloniedichte oder Einordnung in Risikoklassen anhand herstellerspezifischer Referenzskalen

Das Verfahren ist methodisch einfach, aber biologisch und analytisch nur begrenzt standardisiert. Laktobazillen gelten eher als Marker eines säuretoleranten, zuckerexponierten und häufig bereits fortgeschrittenen kariogenen Milieus denn als isolierte Primärprädiktoren für neue kariöse Läsionen (Kariesstellen).

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Geschlecht / Alter Referenzbereich
Kinder, Jugendliche, Erwachsene Kein allgemein akzeptierter, universell validierter Normbereich
Kulturbasierte Chairside-Systeme Testabhängige semiquantitative Risikoklassen
Häufig verwendete kulturbasierte Schwellenwerte Niedrige Keimlast: < 105 KBE/ml, hohe Keimlast: ≥ 105 KBE/ml

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Die häufig verwendete Schwelle von 105 KBE/ml ist testsystemabhängig und nicht als universeller diagnostischer Grenzwert für Karies validiert.

Indikationen 

  • Ergänzende Kariesrisikobeurteilung bei bereits erhöhter klinischer Kariesaktivität
  • Ergänzende Beurteilung bei Verdacht auf hochfrequente Zuckerexposition
  • Motivierende Visualisierung im Rahmen präventiver Beratung
  • Verlaufskontrolle in ausgewählten präventionsorientierten Konzepten, wenn dasselbe Testsystem unter standardisierten Bedingungen wiederholt verwendet wird
  • Fakultativ als Zusatzparameter zusammen mit Speichelflussrate, Pufferkapazität, Ernährungsanamnese und klinischer Läsionsaktivität

Eine Routineanwendung als allgemeines Screening (Reihenuntersuchung) für asymptomatische Patienten (Patienten ohne Beschwerden) oder als alleinige Grundlage prophylaktischer (vorbeugender) oder restaurativer (wiederherstellender) Entscheidungen ist durch die aktuelle Evidenz nicht gedeckt.

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Sprechen für ein säureadaptives, kariogenes Milieu
    • Sind häufig assoziiert mit häufiger Zuckerzufuhr, niedrigen pH-Milieus und plaque-retentiven Nischen
    • Passen eher zu fortgeschritteneren kariösen Läsionen, insbesondere bei kavitierten/dentinbeteiligten Läsionen, als zu sehr frühen Schmelzläsionen
    • Erhöhen in der Gesamtschau die Plausibilität eines erhöhten Kariesrisikos, beweisen dieses aber nicht
  • Erniedrigte Werte
    • Sprechen gegen eine hohe saliväre Laktobazillenlast zum Untersuchungszeitpunkt
    • Schließen ein klinisch relevantes Kariesrisiko nicht aus
    • Sind ohne klinischen Befund, Ernährungsanamnese und Speichelparameter nur eingeschränkt interpretierbar
  • Spezifische Konstellationen
    • Laktobazillen gelten heute eher als Marker und Mitbeteiligte der Progression kariöser Läsionen in einem bereits etablierten kariogenen Biofilm denn als primäre Initiatoren der Karies.
    • Die Einzelmessung besitzt nur begrenzte prädiktive Stärke; multifaktorielle Modelle bleiben überlegen
    • Ein normaler oder niedriger Befund darf insbesondere bei aktiven White-spot-Läsionen (weißen Entkalkungsflecken), hoher Plaquelast, reduzierter Fluoridexposition oder verminderter Speichelsekretion nicht beruhigend fehlinterpretiert werden

Die aktuelle Literatur beschreibt Laktobazillen konsistent als relevante Akteure in einem säuretoleranten kariogenen Biofilm (Bakterienbelag), betont aber zugleich die begrenzte Aussagekraft isolierter Speicheltests für die individuelle Kariesprognose.

Weiterführende Diagnostik

  • Strukturierte klinische Kariesdiagnostik mit Erfassung der Läsionsaktivität
  • Erhebung der Kariesanamnese und bisherigen Karieserfahrung
  • Ernährungsanamnese mit Fokus auf Frequenz fermentierbarer Kohlenhydrate
  • Plaqueindex/orale Hygiene
  • Beurteilung der Fluoridexposition
  • Bestimmung der Speichelflussrate
  • Ggf. Bestimmung der Pufferkapazität des Speichels
  • Indikationsbezogene Bissflügelaufnahmen (Röntgenaufnahmen der Seitenzähne) zur Approximal- und Dentinkariesdiagnostik

Für die klinische Entscheidungsfindung ist die Kombination aus Anamnese (Krankengeschichte), klinischer Untersuchung und risikobasierter Verlaufsbeurteilung deutlich relevanter als der isolierte Laktobazillenwert.

Klinische Hinweise

  • Der Speicheltest auf Laktobazillen sollte heute nur noch als ergänzender Zusatztest verstanden werden.
  • Ein erhöhter Befund ist kein Beweis für aktuelle oder zukünftige Karies, sondern ein unspezifischer Marker eines kariogenen Milieus.
  • Der Test ist besonders anfällig für präanalytische und testmethodische Einflüsse.
  • Für Routine-Screeningprogramme ist der Nutzen unzureichend belegt.
  • Bei klinisch auffälligen Befunden haben die direkte Läsionsdiagnostik, die Kariesanamnese und die Beurteilung modifizierbarer Risikofaktoren Vorrang.
  • Wenn der Test eingesetzt wird, sollte dies standardisiert, mit demselben Testsystem und nur im Kontext eines strukturierten Präventionskonzepts erfolgen.

Literatur

  1. Ng TCH, Luo BW, Lam WYH, Baysan A, Chu CH, Yu OY. Updates on Caries Risk Assessment-A Literature Review. Dent J (Basel). 2024;12(10):312. https://doi.org/10.3390/dj12100312
  2. Ferrari E, Gallo M, Pertinhez TA, Vescovi P, Pizzi S, Meleti M. Salivary Diagnosis of Dental Caries: A Systematic Review. Curr Issues Mol Biol. 2024;46(5):4234-4250. https://doi.org/10.3390/cimb46050258
  3. Català-Benavent I, Iranzo-Cortés JE, Almerich-Torres T, Márquez-Arrico CF, Almerich-Silla JM, Montiel-Company JM. Comparative Study of Methods for Caries Risk Evaluation: CAMBRA, the Cariogram, and Caries Risk Semaphore. J Clin Med. 2025;14(15):5378. https://doi.org/10.3390/jcm14155378
  4. Wen ZT, Huang X, Ellepola K, Liao S, Li Y. Lactobacilli and human dental caries: more than mechanical retention. Microbiology (Reading). 2022;168(6):001196. https://doi.org/10.1099/mic.0.001196
  5. Featherstone JDB, Crystal YO, Alston P, Chaffee BW, Doméjean S, Rechmann P, Zhan L, Ramos-Gomez F. A Comparison of Four Caries Risk Assessment Methods. Front Oral Health. 2021;2:656558. https://doi.org/10.3389/froh.2021.656558
  6. Dou L, Luo J, Fu X, Tang Y, Gao J, Yang D. The validity of caries risk assessment in young adults with past caries experience using a screening Cariogram model without saliva tests. Int Dent J. 2018;68(4):221-226. https://doi.org/10.1111/idj.12378
  7. Cagetti MG, Bontà G, Cocco F, Lingstrom P, Strohmenger L, Campus G. Are standardized caries risk assessment models effective in assessing actual caries status and future caries increment? A systematic review. BMC Oral Health. 2018;18(1):123. https://doi.org/10.1186/s12903-018-0585-4