Mikrobiologische Tests in der Zahnmedizin
Mikrobiologische Tests in der Zahnmedizin sind laborbasierte Verfahren zum Nachweis, zur Identifikation und gegebenenfalls zur Quantifizierung von Mikroorganismen in Plaque- (Zahnbelag), Speichel, Schleimhaut- (Mundschleimhaut-) oder Infektionsproben der Mundhöhle (des Mundraums). Sie werden vor allem zur ergänzenden Diagnostik (Untersuchung) bei Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparates), periimplantären Infektionen (Infektionen an Implantaten), kariologischen Fragestellungen (Fragen zu Karies), odontogenen Infektionen (von den Zähnen ausgehenden Infektionen) und oralen Mykosen (Pilzinfektionen im Mund) eingesetzt. Die klinische Relevanz besteht insbesondere dann, wenn aus dem Befund eine therapeutische Konsequenz resultiert, beispielsweise die Auswahl einer gezielten antimikrobiellen Therapie (Behandlung gegen Krankheitserreger).
Synonyme
- Mikrobiologische Diagnostik in der Zahnmedizin
- Orale mikrobiologische Diagnostik
- Dentalmikrobiologische Testverfahren
- Erregerdiagnostik in der Zahnmedizin
Das Verfahren
- Benötigtes Material:
- Subgingivale Plaque-/Biofilmprobe (Probe von Zahnbelag/Bakterienfilm unter dem Zahnfleisch)
- Speichel
- Schleimhautabstrich (Abstrich der Mundschleimhaut)
- Punktat, Aspirat oder Eiter aus odontogenen Infektionen (von den Zähnen ausgehenden Infektionen)
- Periimplantärer Sulkus- oder Tascheninhalt (Inhalt der Zahnfleischtasche um ein Implantat)
- Vorbereitung des Patienten:
- Die Probennahme sollte möglichst vor Beginn einer lokalen oder systemischen Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) erfolgen.
- Vor der Untersuchung sollten antiseptische Mundspüllösungen (keimreduzierende Mundspülungen) möglichst 12-24 Stunden nicht verwendet werden.
- Bei parodontalen Fragestellungen (Fragen zum Zahnhalteapparat) erfolgt die Probennahme standardisiert aus den tiefsten oder klinisch aktivsten Taschen (Zahnfleischtaschen).
- Eine Nüchternheit ist nicht erforderlich.
- Störfaktoren:
- Vorangegangene lokale oder systemische Antibiotika- oder Antimykotikatherapie (Behandlung gegen Pilze)
- Kontamination (Verunreinigung) mit Speichel oder supragingivaler Plaque (Zahnbelag oberhalb des Zahnfleischrandes)
- Ungeeignete Probennahme oder zu geringe Probenmenge
- Transportverzögerung oder ungeeignetes Transportmedium
- Sauerstoffexposition bei obligat anaeroben Erregern (Krankheitserregern, die nur ohne Sauerstoff leben können)
- Methodenspezifische Unterschiede hinsichtlich Sensitivität (Empfindlichkeit) und Spezifität (Treffsicherheit)
- Methode:
- Kulturelle Verfahren mit Erregeridentifikation und gegebenenfalls Resistenztestung (Prüfung der Empfindlichkeit gegen Antibiotika)
- Polymerase-Kettenreaktion (PCR), quantitative PCR und Multiplex-PCR
- 16S-rRNA-Analysen und Next-Generation-Sequencing (NGS, moderne genetische Hochdurchsatzanalyse)
- Mikroskopische Untersuchungen, z. B. Gram-Färbung oder Direktpräparat
- Enzymatische Schnelltests
- Bei mykologischen Fragestellungen (Fragen zu Pilzinfektionen) Kultur und Speziesdifferenzierung (Unterscheidung der Arten) von Pilzen
Kulturelle Verfahren ermöglichen den Nachweis lebensfähiger Mikroorganismen sowie die Bestimmung der Antibiotikaempfindlichkeit. Molekulare Verfahren wie PCR oder Next-Generation-Sequencing sind sensitiver und schneller, erfassen jedoch auch nicht mehr vermehrungsfähige Mikroorganismen und erlauben meist keine unmittelbare Resistenzbestimmung.
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich |
|---|---|
| Subgingivale Plaque (Zahnbelag unter dem Zahnfleisch), Speichel, Schleimhautabstrich | Kein allgemeingültiger Normbereich |
| Parodontopathogene Marker (Marker für Bakterien bei Parodontitis) | Keine allgemein validierten Grenzwerte für die Routinediagnostik |
| Kariesassoziierte Mikroorganismen im Speichel | Methoden- und populationsabhängig; kein universeller Schwellenwert |
| Candida-Nachweis in Schleimhautabstrichen | Geringe Besiedlung möglich; klinische Relevanz abhängig von Symptomatik und Menge |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Die Befunde müssen stets im Zusammenhang mit Klinik, radiologischem Befund (Bildgebungsergebnis) und weiteren Risikofaktoren interpretiert werden.
Indikationen
- Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparates) mit atypischem Verlauf, rascher Progression (schnellem Fortschreiten), Rezidiven (Wiederauftreten) oder unzureichendem Therapieansprechen
- Geplante adjuvante (unterstützende) systemische Antibiotikatherapie bei Parodontitis
- Periimplantitis (Entzündung um ein Implantat) und periimplantäre Mukositis (Entzündung der Schleimhaut um ein Implantat) in ausgewählten Fällen
- Odontogene Infektionen (von den Zähnen ausgehende Infektionen), insbesondere bei schwerem Verlauf, Abszessbildung (Eiteransammlung), Rezidiven oder Therapieversagen
- Unklare oder rezidivierende orale Schleimhautinfektionen (wiederkehrende Infektionen der Mundschleimhaut)
- Verdacht auf orale Candidose (Pilzinfektion im Mund durch Candida) oder andere opportunistische Infektionen (Infektionen durch normalerweise harmlose Keime) bei immunsupprimierten Patienten (Patienten mit geschwächtem Immunsystem)
- Kariesrisikobeurteilung als ergänzende Diagnostik
- Resistenztestung bei Verdacht auf antibiotikaresistente Erreger (gegen Antibiotika unempfindliche Krankheitserreger)
Interpretation
- Erhöhte Werte/Nachweise:
- Der Nachweis von Porphyromonas gingivalis, Tannerella forsythia, Treponema denticola oder Aggregatibacter actinomycetemcomitans spricht für eine dysbiotische (gestörte) parodontale Flora (Bakterienzusammensetzung im Zahnhalteapparat) und kann mit einer aktiven oder progredienten (fortschreitenden) Parodontitis assoziiert sein.
- Eine hohe Konzentration kariogener (kariesfördernder) Mikroorganismen, insbesondere Streptococcus mutans und Lactobacillus spp., erhöht das Kariesrisiko.
- Der Nachweis von Candida albicans oder anderen Candida-Spezies kann bei entsprechender Klinik auf eine orale Mykose (Pilzinfektion im Mund) hinweisen.
- Bei odontogenen Infektionen (von den Zähnen ausgehenden Infektionen) unterstützt die Kultur mit Resistenztestung die gezielte antiinfektive Therapie (Behandlung gegen Krankheitserreger).
- Erniedrigte Werte/negative Nachweise:
- Ein negativer Befund schließt eine Erkrankung nicht sicher aus.
- Ursachen falsch negativer Befunde können eine geringe Keimzahl, eine unzureichende Probennahme oder eine vorausgegangene Therapie sein.
- Ein Rückgang pathogener (krankheitsverursachender) Mikroorganismen nach Therapie spricht für einen mikrobiologischen Therapieerfolg, ersetzt jedoch nicht die klinische Verlaufskontrolle.
- Spezifische Konstellationen:
- Der Nachweis einzelner Mikroorganismen allein erlaubt keine sichere Aussage über die Krankheitsaktivität.
- Für die Diagnostik der Parodontitis bleiben Sondierungstiefen, Blutung auf Sondieren, klinischer Attachmentverlust (Verlust des Zahnhalteapparates) und radiologische Befunde (Befunde aus der Bildgebung) die primären diagnostischen Kriterien.
- Next-Generation-Sequencing und Mikrobiomanalysen (Untersuchungen der Gesamtheit aller Mikroorganismen) besitzen derzeit vor allem wissenschaftliche Bedeutung und sind noch keine standardisierte Routinediagnostik.
Weiterführende Diagnostik
- Klinische parodontale Untersuchung mit Sondierungstiefen, Blutung auf Sondieren und Attachmentniveau (Ausmaß des Zahnhalteverlusts)
- Radiologische Diagnostik, insbesondere zur Beurteilung von Knochenabbau und odontogenen Infektionsquellen (von den Zähnen ausgehenden Infektionsquellen)
- Periimplantäre Untersuchung mit Sondierung, Blutung und röntgenologischer Verlaufskontrolle
- Resistenztestung bei schweren oder rezidivierenden Infektionen
- Histopathologische (feingewebliche) oder zytologische (zellkundliche) Diagnostik bei unklaren Schleimhautläsionen (Veränderungen der Schleimhaut)
- Risikostratifikation (Risikobewertung) unter Berücksichtigung von Rauchen, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Xerostomie (Mundtrockenheit) und Immunsuppression (geschwächtem Immunsystem)
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