Speicheltest auf Streptococcus mutans
Der Nachweis erhöhter Keimzahlen von Streptococcus mutans (Mutans-Streptokokken) in Speichel oder Plaque (Zahnbelag) kann als Risikomarker in die Kariesrisikobewertung einfließen, ist jedoch für sich allein kein zuverlässiger Prädiktor (Vorhersagefaktor) für zukünftige Karies, da Karies multifaktoriell ist (Biofilm (bakterieller Zahnbelag), Zuckerfrequenz, Fluoridexposition (Fluoridkontakt), Speichelfunktion, Kariesaktivität, soziale und medizinische Cofaktoren) [1, 2, 3, 8].
Speichel- bzw. Plaquetests können standardisiert durchgeführt werden und eignen sich häufig als Motivationsinstrument, bilden aber nur eine Momentaufnahme ab. In systematischen Übersichten ist die diagnostische Güte mikrobiologischer Tests (u. a. Mutans-Streptokokken) insgesamt begrenzt; klinische Prädiktoren (Vorhersagefaktoren) und strukturierte Caries-Risk-Assessment-Ansätze (CRA) sind für die Risikoabschätzung in der Regel relevanter [1, 2, 3, 4].
Zur Ermittlung des individuellen Kariesrisikos können u. a. folgende Parameter beitragen:
- Beurteilung der Karieserfahrung und Kariesaktivität (z. B. vorhandene Füllungen, neue Läsionen (Schmelzdefekte))
- Beurteilung der Mundhygiene und Plaque/Biofilm-Last (Zahnbelagmenge)
- Vorliegen kariöser Initialläsionen (z. B. kreidige Entkalkungen (weiße Flecken))
- Bestimmung der Speichelfließrate (Speichelmenge pro Zeit) (insbesondere bei Verdacht auf Hyposalivation (verminderte Speichelbildung)/Xerostomie (Mundtrockenheit))
- Bestimmung der Pufferkapazität des Speichels
- Speichel-/Plaquetest auf Mutans-Streptokokken (z. B. S. mutans)
- Speicheltest auf Laktobazillen (Milchsäurebakterien)
Indikationen
Die Indikation, Speichel oder Plaque hinsichtlich der Keimzahl auf kariogene Mutans-Streptokokken zu untersuchen, ergibt sich im Rahmen der Individualprophylaxe (individuelle Vorsorge) vor allem bei ausgewählten Konstellationen:
- Individuelle Erstellung bzw. Feinjustierung eines Prophylaxeprogramms bei erhöhtem oder unklarem Kariesrisiko (z. B. multiple aktive Initialläsionen (frühe Schmelzdefekte), Progression (Verschlechterung) trotz Basisprophylaxe) [1, 3, 4].
- Verlaufskontrolle bei Hochrisikopatienten, wenn ein objektivierbarer Marker zur Motivation/Adhärenzförderung (Therapietreue) sinnvoll ist [3, 4].
- Verlaufskontrolle nach keimreduzierenden Maßnahmen (z. B. Chlorhexidin-Intervention (antibakterielle Spülbehandlung)) als ergänzende Dokumentation, nicht als alleiniges Therapieziel [3, 4].
- Besondere Risikogruppen (je nach Setting): Hyposalivation (verminderte Speichelbildung)/Xerostomie (Mundtrockenheit), festsitzende Apparaturen (feste Zahnspangen), ausgeprägte Wurzelkariesgefährdung, frühe Kindheit mit hoher Mutans-Streptokokken-Kolonisation (Besiedlung) [3, 6].
Kontraindikationen
- Der Speichel-/Plaquetest sollte nicht während oder unmittelbar nach einer systemischen Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) durchgeführt werden; als pragmatischer Mindestabstand gilt häufig ≥ 14 Tage, um vorübergehend supprimierte (unterdrückte) Keimzahlen nicht fehlzuinterpretieren.
- Antibakterielle Mundspüllösungen sollten vor der Probenentnahme pausiert werden; als Mindestabstand sind in der Praxis häufig 12-24 Stunden sinnvoll, bei kürzlich erfolgter Intensivkur ggf. länger (Interpretation im klinischen Kontext).
Vor der Untersuchung
Zunächst wird eine Speichelprobe gesammelt; sinnvoll ist die Kombination mit der Bestimmung der Speichelfließrate (z. B. 5 Minuten Kauen auf Paraffinpellet und Sammeln des Speichels). Speichelfließrate und Pufferkapazität sind klinisch besonders relevant bei Verdacht auf Hyposalivation (verminderte Speichelbildung)/Xerostomie (Mundtrockenheit) und können unabhängig von mikrobiologischen Keimzahlen zur Risikostratifizierung (Risikoeinstufung) beitragen [3, 4, 8].
Für Verlaufsmessungen ist eine möglichst konstante Standardisierung wichtig (z. B. Tageszeit, letzter Ess-/Zahnputzzeitpunkt, Verwendung antibakterieller Mundspülungen, kürzliche Antibiotika-Anamnese), da die Keimzahlen und Speichelparameter intraindividuell schwanken [2, 3].
Das Verfahren
Im Praxisalltag werden häufig semiquantitative Kultursysteme (Chairside-Kultur (Schnellkulturtest in der Praxis)) eingesetzt, die Mutans-Streptokokken und/oder Laktobazillen auf selektiven Nährmedien (Spezialnährböden) anzüchten und anschließend anhand einer Referenzskala in Risikokategorien einteilen. Diese Verfahren liefern typischerweise eine grobe Risikoklassifikation und sind störanfällig durch Probenvariabilität und Vorbehandlungen; sie ersetzen nicht die klinische Befundlage und CRA, sondern ergänzen diese [1, 2, 3, 4].
Beispielhafte Durchführung (kulturbasiertes Chairside-System)
- Agarträger (Nährbodenplättchen) aus dem Proberöhrchen entnehmen.
- CO2-Erzeugung gemäß Testsystem zur Schaffung einer geeigneten Atmosphäre während der Inkubation (Brutzeit).
- Schutzfolien von den Agarflächen abziehen, ohne die Agarflächen zu berühren.
- Speichel (oder Plaqueprobe (Zahnbelagprobe)) gemäß Anleitung auf die Agarflächen auftragen; überschüssiges Material abtropfen lassen.
- Röhrchen verschließen, Inkubation gemäß Herstellerangaben (häufig ca. 48 Stunden bei 37 °C).
- Auswertung durch visuellen Vergleich mit Referenzkarte/Skala (semiquantitativ (ungefähre Mengenbestimmung)).
Interpretation (typischer Schwellenwert): In vielen semiquantitativen Systemen wird ein Schwellenwert von 105 KBE/ml Speichel zur Dichotomisierung in niedriges vs. hohes Risiko verwendet; die klinische Einordnung erfolgt immer zusammen mit Risikofaktoren und Schutzfaktoren [2, 5].
- niedrig: <105 KBE/ml
- hoch: ≥105 KBE/ml
Modifikation des Verfahrens (Plaqueprobe): Bei insgesamt guter Mundhygiene kann eine Speichelprobe niedrig ausfallen, obwohl lokale Retentionsstellen (z. B. Engstände (enge Zahnstellung), Brackets (Brackets der Zahnspange), schwer zugängliche Fissuren (tiefe Zahnfurchen)) ein relevantes lokales Risiko darstellen. In solchen Fällen kann eine gezielte Plaqueentnahme aus Risikobereichen die lokale Situation besser abbilden; die Befundinterpretation bleibt ergänzend zur klinischen Läsionsdiagnostik (Beurteilung von Zahndefekten) und CRA [1, 3, 4].
Nach der Untersuchung
Die bebrüteten Nährbodenträger können im Motivationsgespräch als Anschauungsmaterial eingesetzt werden. Für die Präventions- und Therapieplanung sollten evidenzbasierte Maßnahmen im Vordergrund stehen (Fluoridstrategie, Biofilmkontrolle (Belagsentfernung), Ernährungsintervention (Ernährungsumstellung), Risikofaktorenmanagement, individualisierte Recall-Intervalle (individuelle Kontrollabstände)) entsprechend leitlinien- und CRA-basiertem Vorgehen [1, 3, 4].
Literatur
- DGZ, DGZMK. S3-Leitlinie „Kariesprävention bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen“, Version 2.0 (Stand 28.01.2025), AWMF-Registernummer 083-021. https://register.awmf.org/assets/guidelines/083-021l_S3_Kariespraevention-bei-bleibenden-Zaehnen-grundlegende-Empfehlungen_2025-04.pdf
- Senneby A, Mejäre I, Sahlin N-E, Svensäter G, Rohlin M. Diagnostic accuracy of different caries risk assessment methods. A systematic review. J Dent. 2015;43(12):1385-1393. https://doi.org/10.1016/j.jdent.2015.10.011
- Ng TCH, Yu OY, Wong MCM. Updates on Caries Risk Assessment—A Literature Review. Dent J (Basel). 2024;12(10):312. https://doi.org/10.3390/dj12100312
- Featherstone JDB, Crystal YO, Alston P, et al. Evidence-Based Caries Management for All Ages—Practical Guidelines. Front Oral Health. 2021;2:657518. https://doi.org/10.3389/froh.2021.657518
- Mummolo S, Nota A, Caruso S, et al. Salivary levels of Streptococcus mutans and Lactobacilli and other salivary indices in patients wearing clear aligners versus fixed orthodontic appliances: an observational study. PLoS One. 2020;15(4):e0228798. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0228798
- Manchanda S, Sardana D, et al. Is Mutans Streptococci count a risk predictor of Early Childhood Caries? A systematic review and meta-analysis. BMC Oral Health. 2023. https://doi.org/10.1186/s12903-023-03346-8
- Mazurel D, Brandt BW, et al. Streptococcus mutans and Caries: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Dent Res. 2025;104(6):594-603. https://doi.org/10.1177/00220345241303880
- Antonelli R, Massei V, Ferrari E, et al. Salivary Diagnosis of Dental Caries: A Systematic Review. Curr Issues Mol Biol. 2024;46(5):4234-4250. https://doi.org/10.3390/cimb46050258