PH-Wert-Messungen im Mund
pH-Wert-Messungen im Mund sind Untersuchungen der Azidität (Säuregehalt) oder Alkalität (Basengehalt) von Speichel oder – in spezialisierten Settings – des dentalen Biofilms (Zahnbelag). Sie werden in der zahnmedizinischen Diagnostik (Untersuchung beim Zahnarzt) vor allem zur ergänzenden Einschätzung des Karies- und Erosionsrisikos, zur Verlaufskontrolle präventiver Maßnahmen und in wissenschaftlichen Kontexten zur Beurteilung der Biofilm-Acidogenität (Säurebildung im Zahnbelag) eingesetzt. Als isolierter Einzelparameter ist der orale pH-Wert jedoch kein hinreichender alleiniger Diagnosetest; die klinische Aussagekraft entsteht erst in Kombination mit Anamnese (Krankengeschichte), klinischem Befund, Speichelfluss, Pufferkapazität, Ernährungsanamnese und Fluoridexposition [1-5].
Synonyme
- Orale pH-Messung
- Speichel-pH-Messung
- Intraorale pH-Messung
- Biofilm-pH-Messung
- Plaque-pH-Messung
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Unstimulierter Speichel (Ganzspeichel)
- Ggf. stimulierter Speichel, z. B. nach Paraffin- oder Kaugummistimulation
- Bei Spezialdiagnostik (Spezialuntersuchung): supragingivaler dentaler Biofilm/Plaque (Zahnbelag oberhalb des Zahnfleischrandes) zur Biofilm-pH-Messung
- Vorbereitung des Patienten
- Vor standardisierten Messungen möglichst 30-60 Minuten keine Nahrungsaufnahme, keine zucker- oder säurehaltigen Getränke, kein Rauchen, keine Kaugummis
- Unmittelbar vor der Messung keine Mundspüllösungen und möglichst keine Zahnreinigung/Zahnpflegeprodukte anwenden
- Messungen sollten möglichst unter vergleichbaren Tageszeit- und Ernährungsbedingungen erfolgen
- Störfaktoren
- Kurze Zeit zuvor erfolgte Nahrungs- oder Getränkeaufnahme, insbesondere fermentierbare Kohlenhydrate (vergärbare Zucker) und säurehaltige Getränke
- Schwankender Speichelfluss, Xerostomie (Mundtrockenheit), Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Mundatmung
- Medikamente mit Einfluss auf die Speichelsekretion (Speichelbildung), z. B. Anticholinergika (Medikamente gegen Überaktivität des Nervensystems), Antidepressiva (Medikamente gegen Depressionen), Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente)
- Entzündungen, orale Infektionen (Infektionen im Mund), starke Plaqueakkumulation (starke Ansammlung von Zahnbelag)
- Messfehler durch unzureichende Kalibrierung (Einstellung) digitaler Systeme, ungenaue Ablesung von Teststreifen, Temperatur- und Lagerungseinflüsse sowie CO₂-Verlust der Probe bei verzögerter Messung
- Methode
- Chairside-Messung (Messung direkt am Behandlungsstuhl) des Speichel-pH mit Indikatorpapier/Teststreifen
- Digitale pH-Messung mittels pH-Meter beziehungsweise elektrochemischer Sensorik; gegenüber Teststreifen in der Regel präziser und reproduzierbarer
- Für wissenschaftliche oder spezialisierte Fragestellungen: Biofilm-/Plaque-pH-Messung mittels Mikroelektroden, Telemetrie (drahtlose Datenübertragung) oder neueren optischen bzw. drahtlosen Sensorsystemen
Normbereiche (je nach Methode/Gerät und Protokoll)
| Subgruppe/Material | Referenzbereich/Orientierungswert |
|---|---|
| Unstimulierter Speichel | meist ca. 6,2-7,6 |
| Stimulierter Speichel | in der Regel höher als unstimuliert, häufig im neutralen bis leicht alkalischen Bereich |
| Oraler Ruhe-pH | meist nahe neutral |
| Interpretativer Schwellenwert für Demineralisation (Entkalkung) des Schmelzes | klassischer Orientierungswert: pH < 5,5 |
Normbereiche sind methoden-, geräte- und situationsabhängig. Für die klinische Routine ist die Standardisierung der Probengewinnung wichtiger als ein isolierter Einzelmesswert. Plaque-/Biofilm-pH-Werte sind nicht mit Speichel-pH-Werten gleichzusetzen.
Indikationen
- Ergänzende Einschätzung des individuellen Kariesrisikos, insbesondere bei hoher Zuckerfrequenz, Xerostomie, festsitzender kieferorthopädischer Apparatur (fester Zahnspange), Wurzelkariesrisiko oder hoher Kariesaktivität
- Ergänzende Beurteilung des Erosionsrisikos, z. B. bei häufiger Exposition gegenüber intrinsischen (körpereigenen) oder extrinsischen (von außen kommenden) Säuren
- Verlaufskontrolle unter präventiven Maßnahmen, z. B. Ernährungslenkung, Speichelmanagement, Fluoridierungsstrategien
- Patientenaufklärung und Motivation durch Visualisierung säurebedingter Veränderungen
- Wissenschaftliche Untersuchung der Acidogenität (Säurebildung) des dentalen Biofilms und der Wirkung von Nahrungsmitteln, Getränken oder Präventionsmaßnahmen
Interpretation
- Erniedrigte Werte
- Hinweis auf ein säurebetontes orales Milieu (Umgebung im Mund) mit erhöhter Demineralisationsneigung
- Assoziation mit erhöhtem Kariesrisiko, insbesondere in Kombination mit niedriger Pufferkapazität, reduziertem Speichelfluss und hoher Plaque-/Zuckerexposition
- Assoziation mit erosivem Verschleiß beziehungsweise Zahnhartsubstanzverlust (Verlust von Zahnsubstanz)
- Erhöhte Werte
- Spricht eher für ein neutraleres beziehungsweise alkalischeres Milieu
- Allein kein Beweis für ein niedriges Erkrankungsrisiko; trotz unauffälligem Speichel-pH können klinisch relevante kariöse oder erosive Prozesse vorliegen
- Spezifische Konstellationen
- Ein einzelner Speichel-pH-Wert ist kein Ersatz für etablierte Kariesrisiko-Modelle
- Besonders aussagekräftig ist die Kombination mit Speichelfluss, Pufferkapazität, klinischer Kariesaktivität, Plaqueindex, Fluoridexposition und Ernährungsanamnese
- Biofilm-/Plaque-pH-Messungen bilden die lokale Acidogenität näher ab als der reine Speichel-pH, sind aber überwiegend spezialisierten beziehungsweise wissenschaftlichen Anwendungen vorbehalten
Weiterführende Diagnostik
- Speichelflussmessung (unstimuliert/stimuliert)
- Bestimmung der Speichelpufferkapazität
- Klinische Kariesrisikobeurteilung mit Erfassung von Kariesaktivität, Plaque, Ernährungsgewohnheiten und Fluoridexposition
- Erfassung von Xerostomie-Ursachen, Medikamentenanamnese und systemischen Risikofaktoren (allgemeinen Krankheitsrisiken)
- Bei Erosionsverdacht: Abklärung intrinsischer Säurequellen, z. B. gastroösophagealer Reflux (Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre) oder Essstörungen, sowie exogener Säureexposition (Säureeinwirkung von außen)
- Bei Forschungs- oder Spezialfragestellung: standardisierte Biofilm-/Plaque-pH-Messung
Literatur
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- Dipalma G, Inchingolo AD, Cagiano R, Ceci S, Di Palo MP, Santacroce L, et al. Dental erosion and the role of saliva: a systematic review. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2023;27(21):10651-10660. https://doi.org/10.26355/eurrev_202311_34345
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- Geiken A, Gutman AS, Röder N, Holtmann L, Graetz C, Schwarz K, Dörfer CE. A new method for continuous in vivo pH measurement in saliva and oral biofilm – a comparative pilot study. Clin Oral Investig. 2025;30(1):23. https://doi.org/10.1007/s00784-025-06703-9
- Sgiea ED, Cristache CM, Mihut T, Drafta S, Beuran IA. The Integration of Salivary pH Meters and Artificial Intelligence in the Early Diagnosis and Management of Dental Caries in Pediatric Dentistry: A Scoping Review. Oral. 2025;5(1):12. https://doi.org/10.3390/oral5010012