Bestimmung der Speichelfließrate
Bestimmung der Speichelfließrate ist ein speicheldiagnostisches Verfahren (Untersuchungsverfahren des Speichels) zur quantitativen Erfassung der Speichelsekretion. In der klinischen Zahnmedizin und Oralmedizin (Mundheilkunde) wird sie vor allem zur objektiven Abklärung einer Hyposalivation (verminderter Speichelfluss), zur Einordnung von Xerostomie-Beschwerden (Mundtrockenheitsbeschwerden) und als ergänzender Baustein einer multifaktoriellen Kariesrisikobeurteilung eingesetzt.
Synonyme
- Sialometrie
- Messung der Speichelsekretionsrate
- Messung der Speichelflussrate
- Bestimmung der stimulierten Speichelfließrate
- Bestimmung der stimulierten Gesamt-Speichelsekretion
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Kalibriertes Sammelgefäß oder graduiertes Röhrchen
- Paraffinpellet/Paraffinwachs oder standardisierter mechanischer Stimulus zur Speichelstimulation
- Stoppuhr
Vorbereitung des Patienten
- Vor der Untersuchung möglichst mindestens 60 Minuten nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen, keinen Kaugummi kauen und keine Mundspüllösungen anwenden.
- Messung möglichst standardisiert, idealerweise zur gleichen Tageszeit und unter vergleichbaren Bedingungen durchführen.
- Vor der Messung aktuelle Medikation, vorausgegangene Radiotherapie (Strahlentherapie) im Kopf-Hals-Bereich, bekannte Autoimmunerkrankungen, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und Nikotinkonsum erfassen.
Störfaktoren
- Zirkadiane Schwankungen der Speichelsekretion.
- Unterschiedliche Stimulationsmethoden und fehlende Standardisierung der Präanalytik (Vorverarbeitung der Probe).
- Dehydratation, Angst, akute Schmerzen, vorausgegangene Nahrungsaufnahme und Rauchen.
- Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente) und xerogene Medikamente.
Methode
- Für die im Praxisalltag übliche Bestimmung der stimulierten Speichelfließrate kaut der Patient nach kurzer Vorstimulation kontinuierlich auf Paraffin und sammelt den produzierten Speichel über 5 Minuten in einem kalibrierten Gefäß.
- Die Auswertung erfolgt als Volumen pro Zeit in ml/min.
- Die stimulierte Speichelfließrate ist für die Beurteilung der funktionellen Sekretionsreserve klinisch besonders praktikabel; bei Trockenheitsbeschwerden sollte sie nach Möglichkeit durch die unstimulierte Speichelfließrate ergänzt werden.
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Geschlecht/Alter | Referenzbereich |
|---|---|
| Erwachsene, stimulierte Gesamt-Speichelfließrate | Durchschnitt in gesunden Kollektiven ca. 1,48 ml/min |
| Erwachsene, stimulierte Gesamt-Speichelfließrate | ≥ 1,0 ml/min: klinisch unauffällig |
| Erwachsene, stimulierte Gesamt-Speichelfließrate | 0,7-0,99 ml/min: grenzwertig vermindert |
| Erwachsene, stimulierte Gesamt-Speichelfließrate | < 0,7 ml/min: pathologisch vermindert/Hyposalivation |
| Erwachsene, unstimulierte Gesamt-Speichelfließrate | ≤ 0,1 ml/min: klassischer Grenzwert für Hyposalivation |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Objektive Abklärung von Xerostomie/Mundtrockenheit.
- Nachweis oder Verlaufskontrolle einer Hyposalivation.
- Beurteilung bei Verdacht auf medikamenteninduzierte Speicheldrüsendysfunktion (Funktionsstörung der Speicheldrüsen).
- Abklärung bei Verdacht auf Sjögren-Syndrom oder andere systemische Ursachen einer reduzierten Speichelsekretion.
- Ergänzende Einordnung des Kariesrisikos im Rahmen einer multifaktoriellen Kariesrisikobeurteilung.
- Verlaufskontrolle nach Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich.
Interpretation
Erhöhte Werte
- Meist ohne eigenständige pathologische (krankhafte) Relevanz.
- Möglich bei ausgeprägter mechanischer Stimulation, gustatorischer (durch Geschmack ausgelöster) Reizung oder individuell hoher Sekretionsreserve.
Erniedrigte Werte
- Vereinbar mit Hyposalivation und funktioneller Speicheldrüsendysfunktion.
- Häufig bei Polypharmazie und xerogenen Medikamenten.
- Möglich bei Sjögren-Syndrom, Dehydratation, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), nach Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich und bei weiteren systemischen Erkrankungen.
- Assoziiert mit erhöhtem Risiko für Karies, orale Infektionen (Infektionen im Mund), Schleimhautbeschwerden, Schluckstörungen und verminderter Lebensqualität.
Spezifische Konstellationen
- Eine verminderte Speichelfließrate ist kein isoliert ausreichender Kariesprädiktor, sondern muss zusammen mit Plaque (Zahnbelag), Fluoridexposition, Ernährungsgewohnheiten, bisheriger Karieserfahrung und gegebenenfalls weiteren Speichelparametern interpretiert werden.
- Bei Kindern und Jugendlichen ist die Evidenz für eine verlässliche isolierte Zuordnung des Kariesrisikos anhand der Speichelfließrate heterogen (uneinheitlich).
Weiterführende Diagnostik
- Bestimmung der unstimulierten Speichelfließrate.
- Pufferkapazitätsbestimmung des Speichels.
- Bestimmung des Speichel-pH-Werts.
- Medikationsanalyse mit Fokus auf xerogene Substanzen.
- Autoimmundiagnostik bei Verdacht auf Sjögren-Syndrom, z. B. antinukleäre Antikörper (ANA), Anti-SSA/Ro, Anti-SSB/La.
- Oralmedizinische Untersuchung auf Karies, Erosionen, orale Candidose (Pilzinfektion im Mund), Schleimhautatrophie (Rückbildung der Schleimhaut) und Prothesenprobleme.
- Bei persistierender Symptomatik (anhaltenden Beschwerden) gegebenenfalls Speicheldrüsenbildgebung und spezialisierte oralmedizinische/rheumatologische (rheumatologische) Abklärung.
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