Bürstenbiopsie bei oralen Risikoläsionen
Brush-biopsy
Die Bürstenbiopsie bei oralen Risikoläsionen (Brush-biopsy, Zellabstrich mit Bürste bei auffälligen Veränderungen der Mundschleimhaut) ist ein minimalinvasives zytologisches Entnahmeverfahren (Verfahren zur Zellgewinnung) zur Abklärung klinisch suspekter Läsionen (verdächtiger Veränderungen) der Mundschleimhaut (Schleimhaut im Mund). Sie dient der ergänzenden Diagnostik (Untersuchung) bei oral potenziell malignen Erkrankungen (möglicherweise bösartigen Erkrankungen im Mund) und kann die Auswahl von Läsionen für die histologische Sicherung (feingewebliche Bestätigung) unterstützen. Die Methode ist kein Ersatz für die Skalpellbiopsie (Gewebeentnahme mit dem Skalpell) mit Histopathologie (feingewebliche Untersuchung) als Goldstandard, sondern ein adjunctives Triage- und Monitoringverfahren (ergänzendes Auswahl- und Überwachungsverfahren) [1-3].
Orale potenziell maligne Erkrankungen umfassen vor allem Leukoplakien (weiße Schleimhautveränderungen), Erythroplakien (rote Schleimhautveränderungen), orale lichenoide Läsionen/oralen Lichen planus (knötchenflechtenartige Veränderungen der Mundschleimhaut), orale submuköse Fibrose (bindegewebige Verhärtung unter der Mundschleimhaut), chronische hyperplastische Candidose (chronische Pilzinfektion mit Schleimhautverdickung) und Cheilitis actinica (sonnenbedingte Entzündung der Lippe). Das Risiko der malignen Transformation (bösartigen Entartung) ist läsionsabhängig und bleibt auch langfristig bestehen, sodass eine strukturierte Nachsorge (geplante Verlaufskontrolle) erforderlich ist [2, 4, 5].
Synonyme
- Bürstenbiopsie
- Bürstenzytologie (Zelluntersuchung mit Bürstenabstrich)
- Brush biopsy
- Brush cytology
- Orale Exfoliativzytologie (Zelluntersuchung abgeschilferter Zellen aus dem Mund)
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Spezielle Bürste für die orale Zytologie
- Objektträger und Fixierspray oder System für flüssigkeitsbasierte Zytologie
- Begleitschein mit exakter klinischer Beschreibung, Lokalisation (genauer Lage) und Fragestellung
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Vor der Entnahme sollten abwischbare Beläge entfernt und die Läsion klinisch exakt inspiziert werden
- Eine Lokalanästhesie (örtliche Betäubung) ist in der Regel nicht erforderlich
- Störfaktoren
- Zu oberflächliche Entnahme ohne Erreichen der parabasal/basalen Zellschichten
- Entnahme ausschließlich aus nekrotischen (abgestorbenen), ulzerierten (geschwürigen) oder massiv hyperkeratotischen (stark verhornten) Arealen
- Entnahme aus dem Ulkuszentrum (Zentrum des Geschwürs) statt aus dem Läsionsrand
- Unzureichende Fixation oder unzureichendes Zellmaterial
- Ausgeprägte Entzündung, Blutbeimengung, Candida-Besiedelung (Besiedelung mit Hefepilzen) oder degenerative Artefakte
- Submuköse Läsionen (unter der Schleimhaut liegende Veränderungen) oder klinisch unauffällige, epithelial überdeckte Raumforderungen (Gewebeneubildungen)
- Methode
- Die Bürste wird mit ausreichendem Druck mehrfach über die verdächtige Läsion gerollt bzw. um die eigene Achse gedreht, bis Zellen aus allen Epithelschichten (Schichten des Deckgewebes) gewonnen werden
- Die Entnahme sollte bevorzugt am Übergang zwischen klinisch verändertem und unauffälligem Gewebe erfolgen
- Eine punktförmige Blutung spricht für eine ausreichend tiefe Entnahme
- Das entnommene Material wird auf einen Objektträger ausgestrichen oder in ein flüssigkeitsbasiertes Zytologiesystem überführt und fixiert
- Die Beurteilung erfolgt zytomorphologisch (nach dem mikroskopischen Zellbild), teils ergänzt durch computergestützte Bildanalyse [1-3, 6]
Normbereiche (je nach Labor)
| Befundkategorie | Bewertung |
|---|---|
| Negativ | Kein zytologischer Hinweis auf epitheliale Atypien (auffällige Zellveränderungen des Deckgewebes) |
| Atypisch | Unklare bzw. verdächtige Zellveränderungen, histologische Abklärung empfohlen |
| Positiv | Verdacht auf Dysplasie (Fehlbildung des Gewebes), Carcinoma in situ (örtlich begrenzte Krebs-Vorstufe) oder Plattenepithelkarzinom (bösartiger Tumor des Oberflächengewebes) |
| Ungenügend | Material nicht beurteilbar, Wiederholung oder direkte histologische Sicherung erforderlich |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Es handelt sich um ein qualitatives, nicht um ein quantitatives Verfahren.
Indikationen
- Leukoplakie
- Erythroplakie
- Oraler Lichen planus bzw. orale lichenoide Läsionen
- Cheilitis actinica
- Chronische hyperplastische Candidose
- Orale submuköse Fibrose
- Persistierende, nicht abheilende Erosionen (oberflächliche Schleimhautdefekte) oder Ulzera (Geschwüre)
- Klinisch suspekter Schleimhautbefund mit unklarer Dignität (unklarem Gut- oder Bösartigkeitscharakter)
- Verlaufskontrolle persistierender Läsionen in ausgewählten Fällen, wenn nicht unmittelbar histologisch biopsiert wird
- Kontrolle bei Patienten mit erhöhtem Risiko für ein Zweitkarzinom (zweiten bösartigen Tumor) im Kopf-Hals-Bereich als ergänzendes Verfahren [1-6]
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Nicht zutreffend, da keine numerischen Messwerte vorliegen
- Ein positiver zytologischer Befund spricht für eine relevante epitheliale Atypie bis zu Dysplasie oder Karzinom (Krebs) und erfordert histologische Sicherung
- Ein atypischer Befund ist ebenfalls abklärungsbedürftig und darf nicht als Entwarnung gewertet werden [1-3]
- Erniedrigte Werte
- Nicht zutreffend
- Ein negativer Befund schließt eine Dysplasie oder ein Karzinom nicht sicher aus, insbesondere bei klinisch hochgradig suspekten, hyperkeratotischen, ulzerierten oder tief infiltrierenden Läsionen (tief in das Gewebe eindringenden Veränderungen) [1-3]
- Spezifische Konstellationen
- Negativer Befund bei klinisch persistierender Läsion – erneute Untersuchung bzw. direkte Skalpellbiopsie
- Atypischer Befund – histologische Sicherung indiziert
- Positiver Befund – histologische Sicherung und onkologische Weiterdiagnostik (weitere Krebsdiagnostik)
- Ungenügender Befund – Wiederholung oder direkte histologische Biopsie
Weiterführende Diagnostik
- Inzisions- oder Exzisionsbiopsie (probeweise oder vollständige Gewebeentnahme) mit histopathologischer Untersuchung als Goldstandard [2, 3]
- Klinische Fotodokumentation und standardisierte Verlaufskontrolle
- Risikofaktoranalyse – insbesondere Tabak, Alkohol, chronische Irritation (anhaltende Reizung), Immunsuppression (Abschwächung des Immunsystems)
- Bei Karzinomnachweis – weiterführende Kopf-Hals-onkologische Diagnostik einschließlich Staging (Bestimmung der Tumorausdehnung) [7]
Klinische Hinweise
- Die Bürstenbiopsie ist ein ergänzendes Verfahren und ersetzt die histologische Biopsie nicht [1-3]
- Bei hochgradigem klinischem Malignitätsverdacht (Verdacht auf Bösartigkeit) darf die Bürstenbiopsie die definitive Skalpellbiopsie nicht verzögern [2, 3]
- Besonders sinnvoll ist die Methode bei klinisch suspekten, aber nicht eindeutig hochmalignen Läsionen sowie in ausgewählten Verlaufskontrollen [1, 2, 6]
- Die diagnostische Güte hängt wesentlich von korrekter Entnahmetechnik, ausreichender Zellgewinnung und erfahrener zytologischer Beurteilung ab [1-3, 6]
- Orale potenziell maligne Erkrankungen erfordern eine langfristige Nachsorge, da ein relevanter Anteil der malignen Transformationen erst nach mehr als 5 Jahren auftritt [4, 5]
Literatur
- Alsarraf AH, Kujan O, Farah CS. The utility of oral brush cytology in the early detection of oral cancer and oral potentially malignant disorders: A systematic review. J Oral Pathol Med. 2018;47(2):104-116. https://doi.org/10.1111/jop.12660
- Walsh T, Macey R, Kerr AR, Lingen MW, Ogden GR, Warnakulasuriya S. Diagnostic tests for oral cancer and potentially malignant disorders in patients presenting with clinically evident lesions. Cochrane Database Syst Rev. 2021;7(7):CD010276. https://doi.org/10.1002/14651858.CD010276.pub3
- Tayebi-Hillali H, Chbicheb S, El Wady W, Kujan O. Accuracy of Cytological Methods in Early Detection of Oral Squamous Cell Carcinoma and Oral Potentially Malignant Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Oral Pathol Med. 2025;54(7):e70010. https://doi.org/10.1111/jop.70010
- Palatnik B, Vora NM, Sroussi HY, Villa A. Longitudinal Analysis of Oral Potentially Malignant Disorder Conversion to Malignancy. Laryngoscope. 2025;135(5):1185-1192. https://doi.org/10.1002/lary.70199
- Speight PM, Khurram SA, Kujan O. Oral potentially malignant disorders: risk of progression to malignancy. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2018;125(6):612-627. https://doi.org/10.1016/j.oooo.2017.12.011
- Idrees M, Farah CS, Sloan P, Kujan O. Oral brush biopsy using liquid-based cytology is a reliable tool for oral cancer screening: A cost-utility analysis. Cancer Cytopathol. 2022;130(9):740-748. https://doi.org/10.1002/cncy.22599
- Kijowska J, Kopeć T, Wierzbicka M. Epidemiology, Diagnostics, and Therapy of Oral Cancer-Current State of Knowledge. Cancers (Basel). 2024;16(18):3156. https://doi.org/10.3390/cancers16183156