Bestimmung des Lactatbildungspotentials
Die Bestimmung des Lactatbildungspotentials ist ein chairsidefähiger biochemischer Schnelltest zur Erfassung der Stoffwechselaktivität kariogener Bakterien (Karies verursachender Bakterien) im Mundmilieu (Umgebung im Mund). Er misst die Fähigkeit der oralen Mikroflora (Mundflora), nach Zuckerexposition (Kontakt mit Zucker) Lactat zu bilden, und dient als ergänzender Parameter zur Abschätzung des individuellen Kariesrisikos [1, 2].
Synonyme
- Lactatbildungspotential-Test
- Milchsäurebildungsrate-Test
- Kariesrisikotest mittels Lactatbildung
- Clinpro Cario L-Pop-Test
- Cario L-Pop-Test
Das Verfahren
Benötigtes Material:
- Speichel- bzw. Zungenbiofilmprobe (Belag auf der Zunge)
- Milchsäure-Indikatorstäbchen
- Reagenzblister mit Lactatdehydrogenase (LDH) und Farbindikator
- Testsysteme, z. B. Clinpro® Cario L-Pop®
Vorbereitung des Patienten:
- Zähneputzen 5 Minuten bis maximal 2 Stunden vor der Untersuchung
- Nach dem Zähneputzen weder essen noch trinken
- Kein Kaugummikauen vor der Untersuchung
- Keine antibakteriellen Mundspüllösungen am Untersuchungstag
- Möglichst keine lokale antibakterielle Therapie (örtliche Behandlung gegen Bakterien) innerhalb der letzten 24 Stunden
Störfaktoren:
- Antibiotika oder andere antibakteriell wirksame Medikamente
- Antibakterielle Mundspüllösungen, Chlorhexidin-haltige Präparate, antiseptische (keimhemmende) Lutschtabletten
- Stark verminderter Speichelfluss
- Falscher Untersuchungszeitpunkt unmittelbar nach Nahrungsaufnahme
- Unsachgemäße Lagerung oder verspätete Auswertung des Teststäbchens
- Interindividuelle Unterschiede der oralen Mikroflora
- Das Verfahren ist nicht als alleiniger Kariesprädiktor (Vorhersagewert für Karies) validiert und muss stets mit klinischen Befunden (Untersuchungsergebnissen) kombiniert werden [2, 3].
Methode:
- Entnahme des Zungenbiofilms durch mehrfaches Abstreifen der Zungenoberfläche mit dem trockenen Indikatorstäbchen
- Inkubation (Einwirkphase) des Teststäbchens im Reagenzsystem
- Nachweis des gebildeten Lactats über eine Lactatdehydrogenase-gekoppelte Farbreaktion
- Farbumschlag nach 2 Minuten von hell nach blauviolett
- Semiquantitative (annähernd mengenmäßige) Einteilung anhand einer 9-stufigen Referenzskala [1]
Normbereiche (je nach Labor)
| Testfeld | Lactatbildungsrate | Interpretation |
|---|---|---|
| 1-3 | niedrig | geringes aktuelles Kariesrisiko |
| 4-6 | mittel | erhöhtes Kariesrisiko |
| 7-9 | hoch | deutlich erhöhtes Kariesrisiko |
Normbereiche sind methoden- und herstellerabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Ergänzende Abschätzung des individuellen Kariesrisikos
- Erstbefundung bei Patienten mit unklarer Kariesanfälligkeit
- Verlaufskontrolle im Recall (regelmäßige Nachkontrolle)
- Kontrolle der Wirksamkeit von Individualprophylaxe (individueller Vorbeugung) und Ernährungsumstellung
- Motivationshilfe im Rahmen präventiver Maßnahmen (vorbeugender Maßnahmen)
- Beurteilung von Patienten mit hoher Zuckerzufuhr, Xerostomie (Mundtrockenheit) oder rezidivierender Karies (wiederkehrender Karies)
- Ergänzende Diagnostik (Untersuchung) bei Kindern und Jugendlichen mit hohem Kariesrisiko [1, 2]
Interpretation
Erhöhte Werte:
- Hohe Stoffwechselaktivität kariogener Bakterien
- Erhöhtes Risiko für Demineralisation (Entkalkung) und Kavitätenbildung (Bildung von Löchern im Zahn)
- Häufig assoziiert mit hoher Zuckerzufuhr, mangelhafter Mundhygiene, reduzierter Fluoridierung oder hoher Keimzahl von Streptococcus mutans und Lactobazillen
- Hohe Werte korrelieren mit kariöser Aktivität, erlauben jedoch keine sichere Vorhersage neuer Läsionen (Schäden) [1, 2].
Erniedrigte Werte:
- Geringe aktuelle acidogene (säurebildende) Aktivität der oralen Mikroflora
- Vereinbar mit niedrigem aktuellem Kariesrisiko
- Möglicherweise bedingt durch effektive Mundhygiene, Fluoridierungsmaßnahmen oder antibakterielle Therapie
Spezifische Konstellationen:
- Nach Anwendung antibakterieller Zahnpasten oder Mundspüllösungen sinken die Testergebnisse häufig kurzfristig ab [1].
- Der Test erfasst die aktuelle Stoffwechselaktivität der gesamten oralen Mikroflora und nicht ausschließlich einzelne Keime wie Streptococcus mutans.
- Die Aussagekraft ist höher in Kombination mit klinischer Untersuchung, Kariesanamnese (Vorgeschichte der Karies), Plaqueindex (Messwert für Zahnbelag), Speichelfluss und Speichelpufferkapazität (Fähigkeit des Speichels, Säuren abzufangen) [2, 3].
Klinische Hinweise
- Das Verfahren eignet sich vor allem zur Verlaufskontrolle und zur Patientenmotivation.
- Es ersetzt keine klinische Kariesdiagnostik (zahnärztliche Untersuchung auf Karies).
- Die Evidenz (wissenschaftliche Beleglage) für eine isolierte Verwendung als Screeningtest (Früherkennungstest) ist begrenzt; aktuelle Untersuchungen zeigen, dass chairside-Speicheltests allein den kariösen Status nicht zuverlässig abbilden [3].
- Der Test besitzt den größten Nutzen als Bestandteil eines multimodalen Kariesrisikokonzeptes (Kombination mehrerer Untersuchungsverfahren zur Abschätzung des Kariesrisikos).
Literatur
- Gerardu VAM, Heijnsbroek M, Buijs MJ, van der Weijden GA, ten Cate JM, van Loveren C. Comparison of Clinpro Cario L-Pop estimates with CIA lactic acid estimates of the oral microflora. Eur J Oral Sci. 2006;114:128-132. https://doi.org/10.1111/j.1600-0722.2006.00345.x
- Bretz WA, Corby PMA, Costa S, Quadros M, Tavares VS, Moreira G, et al. Microbial acid production (Clinpro Cario L-Pop) and dental caries in infants and children. Quintessence Int. 2007;38:e213-e217. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17530054/
- Rahiotis C, Mitropoulos P, Kakaboura A. Comparative Evaluation of Chair-Side Saliva Tests According to Current Dental Status in Adult Patients. Dent J (Basel). 2021;9:10. https://doi.org/10.3390/dj9010010