Bestimmung des Lactatbildungspotentials

Die Bestimmung des Lactatbildungspotentials ist in Form eines biochemischen Schnelltests möglich, der Aussagen über die Stoffwechselaktivität Karies verursachender Bakterien im Mundmilieu und somit über das Kariesrisiko eines Patienten liefert.

Die Entstehung von Karies ist ein multikausaules Geschehen, an dem viele Faktoren beteiligt sind. Und dennoch kann sich Karies nicht ohne das Zutun von Bakterien entwickeln. Diese kariogenen Bakterien haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: ihr Stoffwechsel wandelt Kohlenhydrate, so auch Zucker in Milchsäure und anderen Säuren um. Diese Säuren wiederum führen zur Demineralisation des Zahnes (Herauslösen mineralischer Substanzen) und schließlich zur Kavitation (Bildung eines Lochs durch Substanzverlust).

Die Freisetzung von Lactat (Milchsäure) im Patientenmund ist umso höher, je höher die Stoffwechselaktivität der kariogenen (Karies verursachenden) Keime ist. Diese Aktivität kann individuell von Patient zu Patient bei gleichen klinischen Befunden durchaus unterschiedlich ausfallen. Daher ist es sinnvoll, die Therapiemaßnahmen und Prophylaxe-Empfehlungen für den Patienten an der Stoffwechselaktivität der Kariesverursacher zu orientieren.

Der Kariesrisikotest (Clinpro®Cario L-Pop®) ist ein hilfreiches und unkompliziertes Instrument in der Hand des Zahnarztes und des Fachpersonals, um die zahnärztliche Therapie hin zur Prävention (zu Karies vorbeugenden Maßnahmen) auszurichten, Karies frühzeitig zu erkennen und das kariöse Geschehen zu einem frühen Zeitpunkt zu stoppen.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Das Verfahren dient der Ermittlung der Stoffwechselaktivität Karies verursachender Bakterien im Speichel anhand deren Milchsäurebildungsrate und trägt somit in Verbindung mit weiteren klinischen Parametern zur Ermittlung des individuellen Kariesrisikos eines Patienten bei. Der Test wird sinnvoller Weise eingesetzt:

  • Im Rahmen der Erstbefundung: zur Ermittlung des aktuellen Kariesrisikos und zum Aufdecken versteckter Risiken, die der visuellen klinischen Befunderhebung verborgen bleiben
  • Zur Verlaufskontrolle des Kariesprozesses beim Recall (regelmäßige Nachkontrolltermine)
  • Zur Patientenmotivation im Rahmen der Individualprophylaxe
  • Zur Erfolgskontrolle der Individualprophylaxe

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Das Testergebnis kann verfälscht werden durch:

  • die Einnahme von Medikamenten mit antibakterieller Wirkung
  • durch antibakteriell wirksame Lutschtabletten
  • durch antibakterielle Mundspüllösungen.

Vor der Untersuchung

Vor der Untersuchung muss der Patient folgende Punkte berücksichtigen:

  1. Die Zähne müssen geputzt sein, wobei das Putzen mindestens 5 Minuten, aber maximal 2 Stunden zurückliegen darf.
  2. Nach dem Putzen darf weder gegessen noch getrunken werden.
  3. Weder zahnfreundliche noch zuckerhaltige Kaugummis dürfen gekaut werden.
  4. Zum Putzen soll die gewohnte Zahncreme verwendet werden, auch, wenn diese bakterizide (keimtötende) Zusätze wie z. B. Chlorhexidin oder Triclosan enthalten sollte.

Das Verfahren

Der Test zur Bestimmung des Lactatbildungspotenzials wird mit  Milchsäure-Indikatorstäbchen durchgeführt (Clinpro® Cario L-Pop® von 3M Espe). Gemessen wird das momentane Potenzial kariogener Keime, bei Zufuhr von Zucker Milchsäure zu produzieren. Entnommen wird die Probe auf der Zunge, da der ihr aufgelagerte Biofilm repräsentativ für die Keime im Speichel und in der Plaque (Zahnbelag) ist.

Anders als die bakteriellen Speicheltests auf Streptococcus mutans und Laktobazillen muss die entnommene Probe hier nicht bebrütet werden: das Testergebnis ist bereits nach zwei Minuten abzulesen. 

Die Teststäbchen werden in sogenannten Blisterpackungen geliefert. Jeder Blister ist in drei Kompartimente geteilt: zwei Flüssigkeitsreservoirs und ein Fach, in dem das noch trockene Teststäbchen steckt. Das Teststäbchen selbst enthält Saccharose (Zucker). Die beiden Flüssigkeitsreservoirs enthalten das Enzym Lactatdehydrogenase bzw. einen Farbindikator.

Prinzip der ablaufenden Testreaktion:

Die Menge an innerhalb von 2 Minuten gebildeten Milchsäure wird über die Koppelung an eine enzymatische Reaktion mit Farbumschlag sichtbar gemacht:

  • Zucker (Teststäbchen) + kariogene Bakterien (Zunge) Bildung von Milchsäure
  • Umwandlung der Milchsäure mit Hilfe des Enzyms Lactatdehydrogenase blauviolettes Reaktionsprodukt

Ablauf des Verfahrens:

  • Das trockene Indikatorstäbchen wird dem Folienbeutel entnommen.
  • Das Stäbchen wird mittig auf die ausgestreckte Zunge des Patienten gelegt und unter leichtem Druck 4 x hin- und hergedreht, bis es sich mit Speichel vollgesogen hat.
  • Das Stäbchen wird vorsichtig in sein Blisterfach zurückgesteckt, ohne dabei die Trennschicht zum ersten Flüssigkeitsreservoir zu durchstoßen.
  • Die Flüssigkeit am äußeren Blisterende wird nun mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig zu der Flüssigkeit im mittleren Kompartiment gedrückt.
  • Beide Flüssigkeiten werden durch mehrmaliges Hin- und Herdrücken von einem Reservoir zum anderen gemischt und aktiviert.
  • Der äußere Blisterteil wird nun auf den mittleren geklappt und gedrückt gehalten, um ein Zurückfließen zu verhindern.
  • Die Diagnoseflüssigkeit wird jetzt vorsichtig (Achtung: Spritzer!) weiter in Richtung Teststäbchen gedrückt.
  • Das Teststäbchen wird vier Mal in der Flüssigkeit gedreht, dann 2 Minuten darin belassen.

Die Ablesung muss sofort nach Ablauf der 2 Minuten bei Tageslicht durch Vergleich mit der Referenzskala erfolgen: Je dunkler die Verfärbung, desto höher ist die Milchsäurebildungsrate bzw. das Lactatbildungspotenzial und Kariesrisiko. Die Skala zeigt 9 Farbfelder an, die mit dem Farbumschlag des Teststäbchens verglichen werden. Vereinfachend lässt der Vergleich folgende diagnostische Aussagen zu, wobei der Hersteller eine ausführlichere Ergebnisinterpretation zur Verfügung stellt:

Teststäbchen hat die Farbe der Felder Milchsäure-Bildungsrate Derzeitiges Kariesrisikomanagement Verlaufskontrollen
1 bis 3 niedrig gut normales Recall
4 bis 6 mittel mäßig engmaschigeres Recall
7 bis 9 hoch schlecht intensive Untersuchung und Behandlung

Nach der Untersuchung

Dem Test liegt ein schwarz markiertes Kontrollstäbchen bei, mit dem die Aktivierung der Diagnoseflüssigkeit überprüft wird und das nach Ablesen des Teststäbchens in dessen Blister gesteckt wird. Es muss sich nach weiteren zwei Minuten blau-violett gefärbt haben.

Mögliche Komplikationen

  • Die Diagnoseflüssigkeit kann schwere Augenreizungen und Hautreizungen verursachen und außerdem Flecken auf Haut und Kleidung hervorrufen. Entsprechende Vorsichtsmaßnahmen sind zu treffen.
  • Allergische Reaktionen können nicht ausgeschlossen werden.

Literatur

  1. Herstellerangaben der Fa. 3M Espe
     
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