Mikrobiologische Tests in der Parodontologie

Mikrobiologische Tests in der Parodontologie sind laborbasierte Verfahren zum Nachweis und gegebenenfalls zur Quantifizierung parodontalassoziierter Mikroorganismen (mit Parodontitis verbundene Keime) in subgingivalen Biofilmproben (Proben aus bakteriellen Belägen unter dem Zahnfleisch). Sie dienen nicht der alleinigen Diagnosestellung einer Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparates), sondern der ergänzenden mikrobiologischen Charakterisierung (genaueren Bestimmung der Keime) in ausgewählten klinischen Situationen, insbesondere dann, wenn aus dem Befund eine therapeutische Konsequenz zu erwarten ist, etwa im Zusammenhang mit einer geplanten adjuvanten systemischen Antibiotikatherapie oder bei unzureichendem Therapieansprechen. Die Diagnostik und Therapieplanung der Parodontitis beruhen primär auf klinischen und röntgenologischen Befunden; mikrobiologische Tests sind eine fakultative Zusatzdiagnostik. [1-4]

Synonyme

  • Mikrobiologische Diagnostik in der Parodontologie
  • Subgingivale mikrobiologische Diagnostik
  • Parodontalpathogen-Nachweis
  • Erregerdiagnostik bei Parodontitis
  • Bakterielle Diagnostik subgingivaler Biofilme

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Subgingivale Plaque-/Biofilmprobe (Belag-/Bakterienprobe unter dem Zahnfleisch), in der Regel aus parodontalen Taschen (vertiefte Zahnfleischtaschen) mit sterilen Papierspitzen oder Küretten (zahnärztliche Schabinstrumente) entnommen
    • Geeignetes Transportsystem in Abhängigkeit von der Methode; bei Kulturverfahren (Anzüchtungsverfahren) Transportmedium für vitale Keime, bei molekularbiologischen Verfahren (genetischen Untersuchungsmethoden) methodenspezifisches Probenröhrchen
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine Nüchternheit erforderlich
    • Probenentnahme möglichst vor Einleitung einer systemischen Antibiotikatherapie bzw. nicht unmittelbar nach antiseptischen oder antibiotischen Interventionen (Behandlungen), da dies das Nachweisspektrum verändern kann
    • Entnahme vorzugsweise nach Entfernung supragingivaler Beläge (Beläge oberhalb des Zahnfleischrandes) aus dem Zielareal und trockener Isolation
  • Störfaktoren
    • Nicht standardisierte Probenentnahme, geringe Probenmenge, Kontamination (Verunreinigung) mit Speichel oder supragingivalem Biofilm
    • Vorangegangene Antibiotika- oder Antiseptikaexposition
    • Methodenabhängige Einschränkungen: zielgerichtete PCR-Verfahren erfassen nur die im Panel enthaltenen Spezies (Keimarten); Kulturverfahren erfassen nur kultivierbare und transportstabile Keime
    • Interindividuelle und sitespezifische Heterogenität (Unterschiedlichkeit) des subgingivalen Mikrobioms (Gesamtheit der Keime unter dem Zahnfleisch)
  • Methode
    • Polymerase-Kettenreaktion (PCR) bzw. Real-Time-PCR als in der Praxis am häufigsten eingesetzte zielgerichtete Nachweisverfahren
    • DNA-Sonden/DNA-Hybridisierung als ältere, heute gegenüber PCR-basierter Diagnostik meist nachrangige Verfahren
    • Kulturelle Verfahren mit nachfolgender Resistenztestung bei speziellen Fragestellungen, insbesondere nach Therapieversagen oder bei Verdacht auf antibiotikaresistente/superinfizierende Keime
    • Mikroskopische Verfahren haben für die moderne routinemäßige Erregercharakterisierung nur eine sehr begrenzte Aussagekraft und sind nicht als alleinige diagnostische Basis geeignet

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Parameter Referenzbereich
Subgingivale parodontalassoziierte Keime Kein allgemeingültiger physiologischer numerischer Referenzbereich
Qualitativer Nachweis einzelner Zielkeime Methodenabhängig; ein positiver Nachweis allein beweist keine behandlungsbedürftige Parodontitis
Quantitative/semiquantitative PCR-Befunde Labor- und assayabhängige Schwellen; interlaboratorisch nicht einheitlich standardisiert
Resistenztestung aus Kultur Interpretation abhängig von isoliertem Erreger (nachgewiesenem Keim), Testverfahren und geprüftem Antibiotikum

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Keine Routinediagnostik bei jeder Parodontitis; Einsatz nur bei erwartbarer therapeutischer Konsequenz
  • Ausgewählte schwere, rasch progrediente (schnell fortschreitende) oder atypische Verläufe der Parodontitis
  • Planung einer adjuvanten systemischen Antibiotikatherapie im Einzelfall
  • Persistierende Krankheitsaktivität bzw. Non-Response (fehlendes Ansprechen) nach adäquater ursachengerichteter Therapie
  • Verdacht auf relevante Belastung mit spezifischen parodontalassoziierten Keimen, insbesondere Aggregatibacter actinomycetemcomitans, Porphyromonas gingivalis, Tannerella forsythia oder Treponema denticola
  • Therapieversagen mit Fragestellung einer kulturellen Anzüchtung und Resistenzprüfung
  • Forschung, Verlaufsdokumentation oder spezialisierte individualisierte Therapieansätze; nicht als Screeningtest der Allgemeinbevölkerung

Interpretation

  • Erhöhte Werte/positiver Nachweis
    • Spricht für eine mikrobiologische Dysbiose (Störung des natürlichen Keimgleichgewichts) beziehungsweise eine erhöhte Last nachgewiesener Zielkeime, beweist aber isoliert weder Aktivität noch Schweregrad der Erkrankung
    • Ein hoher Nachweis klassischer parodontalassoziierter Spezies kann die klinische Einschätzung ergänzen, muss jedoch stets zusammen mit Sondierungstiefen, klinischem Attachmentverlust (Verlust des Zahnhalteapparates), Blutung auf Sondieren, Suppuration (Eiterbildung) und röntgenologischem Knochenabbau beurteilt werden
    • Quantitative PCR-Befunde können zur Verlaufsbeurteilung herangezogen werden, sind jedoch methodenabhängig und nicht einheitlich standardisiert
  • Erniedrigte Werte/negativer Nachweis
    • Schließt eine Parodontitis nicht aus
    • Kann durch begrenztes Erregerspektrum des Testpanels, unzureichende Probenentnahme, geringe Biomasse (Menge biologischen Materials) oder vorausgegangene antimikrobielle Maßnahmen bedingt sein
  • Spezifische Konstellationen
    • PCR-basierte Verfahren sind analytisch sensitiv und schnell, erfassen aber nur die angeforderten Zielorganismen beziehungsweise Resistenzgene (Gene für Antibiotikaresistenz)
    • Kulturelle Verfahren sind bei der Frage nach Antibiotikaempfindlichkeit im Vorteil, haben aber höhere Anforderungen an Probengewinnung, Transport und Laborlogistik
    • Moderne Konzepte bewerten weniger einzelne „Leitkeime“ isoliert als vielmehr dysbiotische mikrobielle Muster; derzeit ersetzt dies die klinische Standarddiagnostik jedoch nicht
    • Mikroskopische Morphotypisierung (Beurteilung der Keimform unter dem Mikroskop) allein ist für eine therapeutische Steuerung nicht ausreichend

Weiterführende Diagnostik

  • Vollständige parodontale Befunderhebung mit Sondierungstiefen, klinischem Attachmentverlust, Blutung auf Sondieren, Furkationsbefall (Befall der Zahnwurzelgabelung), Zahnlockerung und Plaqueindizes (Maße für Zahnbelag)
  • Röntgenologische Beurteilung des alveolären Knochenabbaus (Abbau des zahntragenden Knochens)
  • Risikostratifizierung (Risikoeinschätzung) unter Einbeziehung von Tabakkonsum, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Mundhygiene, Adhärenz (Therapietreue) und früherem Krankheitsverlauf
  • Bei Therapieversagen gegebenenfalls kulturelle Erregerdiagnostik mit Antibiogramm (Empfindlichkeitstestung gegenüber Antibiotika)
  • Bei speziellen Fragestellungen ergänzende Biomarker- oder Mikrobiomverfahren; diese sind derzeit überwiegend nicht Bestandteil der Routinediagnostik

Literatur

  1. Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS, EFP Workshop Participants and Methodological Consultants. Treatment of stage I-III periodontitis-The EFP S3 level clinical practice guideline. J Clin Periodontol. 2020;47 Suppl 22:4-60. https://doi.org/10.1111/jcpe.13290
  2. Manoil D, Parga A, Bostanci N, Belibasakis GN. Microbial diagnostics in periodontal diseases. Periodontol 2000. 2024;95(1):176-193. https://doi.org/10.1111/prd.12571
  3. Dong A, Proctor GB, Zaric S. Diagnostic Accuracy of Microbiome-Derived Biomarkers in Periodontitis: Systematic Review and Meta-Analysis. J Periodontal Res. 2025;60(8):748-761. https://doi.org/10.1111/jre.13377
  4. Kuret S, Kalajzic N, Ruzdjak M, Grahovac B, Jezina Buselic MA, Sardelić S, Delic A, Susak L, Sutlovic D. Real-Time PCR Method as Diagnostic Tool for Detection of Periodontal Pathogens in Patients with Periodontitis. Int J Mol Sci. 2024;25(10):5097. https://doi.org/10.3390/ijms25105097
  5. Usui M, Miyagi S, Yamanaka R, Ariyoshi W, Oka Y, Inoue M, Nakashima K, Nishihara T. Measuring the Invisible: Microbial Diagnostics for Periodontitis-A Narrative Review. Int J Mol Sci. 2025;26(20):10172. https://doi.org/10.3390/ijms262010172