Primär-Primärprophylaxe

Während primärprophylaktische Maßnahmen beim gesunden Menschen mit dem Ziel ansetzen, einer Erkrankung von vornherein vorzubeugen, geht die Primär-Primärprophylaxe noch einen Schritt weiter, indem sie während der Schwangerschaft Aufklärungsarbeit leistet und Therapiemaßnahmen bei der werdenden Mutter ergreift, um so bereits die Gesundheit des ungeborenen Kindes zu schützen.

In der Schwangerschaft werden die Weichen nicht nur für die Allgemein-, sondern auch für die Mundgesundheit eines Kindes gestellt. Aus diesem Grunde setzt hier bereits die zahnmedizinische Gesundheitsfrühförderung durch die Betreuung werdender Mütter ein und verfolgt damit folgende Ziele:

  • Senkung des Risikos einer Frühgeburt: werdende Mütter, die an einer schweren unbehandelten Parodontitis (Zahnbettentzündung) leiden, tragen ein über siebenfach höheres Risiko, vor der 32. SSW (Schwangerschaftswoche) eine Frühgeburt zu erleiden
  • Senkung der Gefahr ein untergewichtiges Frühgeborenes zu bekommen: auch das Gewicht des Frühgeborenen korreliert mit der parodontalen Gesundheit der Mutter
  • Beeinflussung der Mundgesundheit des Kindes durch die Verbesserung der Mundgesundheit der Mutter
  • Verhindern der Infektion des Kindes mit kariogenen und parodontopathogenen (Karies und Zahnbettentzündung verursachenden) Keimen durch Aufklärung der Mutter über mögliche Infektionswege

Um die Mundgesundheit der Mutter zu fördern, werden in Abhängigkeit vom Fortschritt der Schwangerschaft verschiedene Therapiemaßnahmen ergriffen, für welche folgendes gilt:

  • Im ersten und im dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) sollten keine zahnärztlichen Wahleingriffe erfolgen.
  • Die Behandlung akuter Schmerzen ist jedoch in jeder Phase der Schwangerschaft indiziert.
  • Die Schmerzausschaltung zur Akutbehandlung sollte mit Articain (alternativ Bupivacain, Etidocain) und einem  Adrenalinzusatz von max. 1:200.000 erfolgen.
  • Alle anderen Therapien während der Schwangerschaft dienen der Keimzahlsenkung.

Erstes Trimenon

Etwa im dritten Monat sollte bereits eine zahnärztliche Untersuchung stattfinden. Wird hierbei ein Behandlungsbedarf festgestellt, so können zunächst eine professionelle Zahnreinigung und Mundhygienetraining zur Prophylaxe (Vorbeugung) gegen eine Schwangerschaftsgingivitis (Zahnfleischentzündung) und Karies (Zahnfäule) erfolgen. Außerdem ist die  Aufklärung über den besonderen Stellenwert einer guten Mundhygiene während der Schwangerschaft erforderlich. Denn durch die erhöhten Konzentrationen an Östrogen und Progesteron steigt die Entzündungsbereitschaft der Gingiva (des Zahnfleisches), wodurch bereits bestehende plaque-bedingte Gingivitiden (Zahnfleischentzündungen) verstärkt werden. Durch das entzündliche Anschwellen der Gingiva bilden sich sogenannte Pseudotaschen, die wiederum der vermehrten Anhaftung von Plaque (mikrobiellen Belägen) Vorschub leisten und dadurch das Kariesrisiko steigern.

Zweites Trimenon (12.-25.SSW)

Dringend notwendige zahnärztliche Maßnahmen können jetzt am sichersten durchgeführt werden. Dazu zählen die Kariestherapie (Beseitigung kariöser Läsionen / Löcher) und die nicht-chirurgische Parodontitistherapie beispielsweise mit desinfizierenden Taschenspülungen oder der Einlage antibakterieller Chips zur Keimzahlsenkung sowie Wurzelkanalbehandlungen mit desinfizierender Kalziumhydroxid-Einlage. Auch die Exzision (chirurgische Entfernung) eines pyogenen Granuloms (Synonyme: Schwangerschaftsepulis, Epulis gravidarum, Schwangerschaftstumor) kann in diesem Zeitraum erfolgen, sofern dieses beim Essen hinderlich ist oder stark bluten sollte. Bei Beschwerdefreiheit erfolgt die Exzision des Granuloms erst nach der Schwangerschaft, falls es sich nicht ohnehin spontan zurückbilden sollte.

Drittes Trimenon

Im achten Monat hat eine eventuell bestehende Schwangerschaftsgingivitis ihre stärkste Ausprägung. Sinnvoll sind jetzt erneute Prophylaxe (vorbeugende Maßnahmen) in Form einer professionellen Zahnreinigung (PZR). Für eine zusätzliche Senkung der Keimbelastung  vor der Geburt können Mundspüllösungen mit Chlorhexidin (CHX) und Xylit-Kaugummis empfohlen werden. Kariogene (Karies verursachende) Bakterien gehen bei dem Versuch, den Zuckeraustauschstoff Xylit zu verstoffwechseln, zugrunde.

In den Wochen vor der Geburt ist die erneute Aufklärung der werdenden Mutter im Sinne der Primär-Primärprophylaxe von entscheidender Bedeutung.

1. Aufklärung über Übertragungswege

Innerhalb der ersten vier Lebensjahre wird das Ökosystem Mundhöhle nach und nach von den verschiedensten Keimen besiedelt, ohne dass diese pathogen (krankmachend) sein müssen. Je länger man in diesen Jahren die Besiedelung der kindlichen Mundhöhle mit kariogenen (Karies verursachenden) Keimen hinauszögern oder besser ganz verhindern kann, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle ökologischen Nischen im Ökosystem schon von anderen, nicht kariogenen  Keimen besetzt sind.

Die Empfehlungen reichen nicht soweit, dass man den Eltern das Küssen ihres Kindes versagen würde, zumal hierbei von elterlicher Seite eher wenig Speichel übertragen wird. Jedoch muss die Mutter auch auf alle anderen engen Bezugspersonen (Geschwistern, Großeltern, Babysittern, Erzieher/innen) aufklärend einwirken machen, damit sie eine Übertragung von Bakterien aus der eigenen Mundhöhle auf das Kind vermeiden, so z. B.

  • durch das Ablecken eines Schnullers
  • Essen vom selben Löffel
  • Vorkosten/Vortemperieren von Nahrung auf demselben Löffel
  • Vorkosten aus einer Nuckelflasche
  • Benutzung derselben Zahnbürste

2. Ernährungsaufklärung

Um Kariesverursachern die Nahrungsgrundlage zu entziehen, gilt es, den Zuckergehalt von Nahrungsmitteln und Getränken gering zu halten. Hier kommen die Eltern nicht umhin, sich genau mit den Inhaltstoffen von Fertigprodukten zu befassen. Kariogener Zucker ist enthalten in

  • Instant-Tees
  • verdünnten und unverdünnten Fruchtsäften
  • Babybrei
  • Obstmus
  • Milchbrei
  • Muttermilch (7 % Lactose-/Milchzuckeranteil)
  • u. v .m.

Doch nicht nur der Zuckergehalt an sich, sondern auch das Ernährungsverhalten selbst beeinflusst das Kariesrisiko:

  • Übermäßig langes Stillen, zumal wenn es nachts nach Belieben erfolgt und jedes Mal ein Rest Muttermilch hinter den Schneidezähnen verbleibt, birgt ein sehr hohes Kariesrisiko in sich. Daraus resultiert die Empfehlung, nach Durchbruch der ersten Zähne abzustillen.
  • Dauernuckeln an Saugerflaschen mit zuckerhaltigen Getränken gehört ebenso zu den Ursachen frühkindlicher Karies. Daher sollten diese Flaschen nur mit Wasser oder ungesüßten Kräutertees angeboten werden und aus Glas und somit zu schwer sein, als dass das Kind sich selbst damit bedienen könnte. Am sichersten aber ist die Empfehlung, einen Säugling von der Brust direkt auf das Trinken aus einem offenen Becher umzugewöhnen.
  • Das Kind sollte von Anfang an nur an wenig süße Nahrungsmittel und Getränke gewöhnt werden.

3. Mundhygieneaufklärung

  • Zahnpflege erfolgt ab dem Durchbruch des ersten Zahns!
  • Dafür können eine Babyzahnbürste oder spezielle Stoff-Fingerlinge verwendet werden.
  • Bis zum Alter von zwei Jahren wird einmal täglich geputzt, danach zweimal täglich mit einer kleinerbsengroßen Menge Kinderzahnpasta mit einem Fluoridgehalt von 500 ppm (parts per million).
  • Dabei wird das Kind spielerisch an das feste Ritual des Zähneputzens gewöhnt.
  • Ab dem Alter von zwei Jahren ist das Kind so selbstständig, dass es selbst putzen möchte. Kleinkindgerechte Zahnbürsten mit dickem Griff sind für die ersten eigenen Versuche geeignet. Die Eltern müssen jedoch bis ins Schulalter hinein konsequent nachputzen. Anhaltspunkt: erst, wenn ein Kind die Schreibschrift beherrscht, verfügt es über die nötigen feinmotorischen Fähigkeiten.
  • Eltern sollten den Nachahmungstrieb ihres Kindes nutzen und es immer wieder beim Zähneputzen zuschauen lassen, um das Putzen zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen

4. Der erste Besuch beim Zahnarzt

Die erste Vorstellung des Kleinkinds beim Zahnarzt sollte durchaus schon bei Durchbruch der ersten Zähne stattfinden. Bei dem Besuch geht es darum, der Mutter nach ihren ersten eigenen Erfahrungen mit der kindlichen Mundhygiene Hilfestellungen zu geben, ihre Kenntnisse aufzufrischen, aber auch darum, das Risiko einer frühkindlichen Karies auszuschließen.

Der Zahnarzt hält zur weiteren Information für die Mutter einen zahnärztlichen Kinderpass / ein zahnärztliches Kinder-Untersuchungsheft bereit.

Literatur

  1. Roulet JF, Zimmer S: Prophylaxe und Präventivmedizin. Farbatlanten der Zahnmedizin 16. Georg Thieme Verlag 2003: 27
  2. Deimling D, Kunze M, Ratka-Krüger P: Parodontale Erkrankungen während der Schwangerschaft: Besteht Behandlungsbedarf? Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) 2007
  3. Ratka-Krüger P: Individualprophylaxe. Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen 2012

     
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