Antimikrobielle Konditionierung
Antibakterieller Schutzlack

Unter antimikrobieller Konditionierung versteht man in der Zahnmedizin die Applikation eines antibakteriellen Schutzlackes auf ausgewählte Zahnflächen mit erhöhtem Kariesrisiko mit dem Ziel, die bakterielle Aktivität über einen längeren Zeitraum zu senken.

Zusammensetzung und Wirkungsweise des Schutzlackes

Als antibakteriell wirksame Substanzen werden beispielsweise im Cervitec® Plus Schutzlack Chlorhexidin (CHX) und Thymol in jeweils 1%iger Konzentration eingesetzt, wobei die Konzentration bei regelrechter Anwendung nach Trocknung auf der Zahnoberfläche um das Zehnfache höher ist. Die beiden Komponenten üben einen Synergieeffekt aufeinander aus, d. h. sie wirken in Kombination jeweils effektiver als Chlorhexidin und Thymol allein. Die Wirkstoffkombination wirkt reduzierend auf die Aktivität von

  • grampositiven Keimen (Streptococcus mutans, Streptococcus sobrinus, Lactobazillen)
  • gramnegativen Keimen (Actinomyces)
  • Hefepilzen (Candida albicans)

Durch die Keimreduktion wird das Kariesrisiko effektiv reduziert und Prävention (Vorsorge) gegen Gingivitis (Zahnfleischentzündung) betrieben. Je höher die Konzentration der Wirkstoffe, desto effektiver ist die erzielte Keimreduktion. In Versuchen mit 40%igem Chlorhexidinlack wurde nachgewiesen, dass

  • nach Applikation auf Fissuren (Grübchen im Kauflächenrelief der Seitenzähne) die bakterielle Aktivität nach 22 Wochen noch signifikant reduziert war
  • nach Applikation auf freiliegende Wurzeloberflächen der Verlust an mineralisierter Hartsubstanz um ca. 80 % gesenkt werden konnte. Antimikrobielle Lacke haben sich daher als ideales Material zur Verhinderung der rasch fortschreitenden Wurzelkaries etabliert.

Entscheidend ist neben der Effektivität der eingesetzten Wirkstoffe auch die Lackretentionsdauer (Verweildauer des Lacks) auf den behandelten Zahnflächen. Im Beispiel von Cervitec® Plus handelt es sich um eine Polyvinylbutyral-Lackbasis, mit der, optimale Applikationstechnik vorausgesetzt, eine hervorragende Lackretentionsdauer erzielt werden kann.

Doch selbst bei optimaler Lackretention wird sich dieser nach spätestens einigen Tagen lösen. Der langanhaltende Schutz ist also nicht auf eine ebenso lange Anhaftung des Lacks zurückzuführen; vielmehr entfaltet sich eine antimikrobielle Langzeitwirkung noch lange nach dessen Abblättern durch folgende Wirkmechanismen:

  • Der Lack besitzt eine Affinität zu organischen Strukturen, wie sie in der Pellikel (hauchdünnes Zahnoberflächenhäutchen, das sich nach dem Zähneputzen aus dem Speichel sofort wieder neu bildet) vorliegen. Darin erfolgt eine Wirkstoffspeicherung mit Langzeitwirkung.
  • Die Wirkstoffe haben eine direkte bakterizide (keimtötende) Wirkung auf die Plaquebakterien, welche auf der Pellikel (Zahnoberhäutchen oder auch "pellicula dentis" genannt; dieses ist ein dünner Film aus Proteinen des Speichels) haften, v. a auf den primären Kariesverursacher Streptococcus mutans.
  • Chlorhexidin diffundiert durch die Pellikel in die darunter liegenden Zahnhartsubstanzen Schmelz, Dentin (Zahnbein) und Wurzel und bildet dort ein Depot
  • Chlorhexidin diffundiert in den Speichel und wird dorthin aus den Hartsubstanzdepots längerfristig abgegeben.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Wenngleich in der Praxis nicht derart hohe Wirkstoffkonzentrationen eingesetzt werden, so ist doch auch bei geringeren Konzentrationen eine deutliche Verringerung der bakteriellen Aktivität zu verzeichnen. So dient Cervitec® Plus den Herstellerinformationen entsprechend

  • zur Senkung eines hohen Kariesrisikos (z. B. bei bereits vorliegender Glattflächenkaries) bei unzureichender Mundhygiene
  • bei Xerostomie (Mundtrockenheit), die immer mit einem erhöhten Kariesrisiko vergesellschaftet ist
  • bei mangelnder Compliance (Mitarbeitsfähigkeit) des Patienten, z. B. auf Grund von motorischen oder mentalen Einschränkungen
  • bei Implantaten
  • zum Intensivschutz bei freiliegenden Wurzeloberflächen und offenen Dentintubuli (Kanälchen im Zahnbein, die mit dem Zahnmark in Verbindung stehen)
  • Zum Schutz von Fissuren
  • zur Applikation auf Approximalflächen (Zahnflächen in den Zahnzwischenräumen)
  • währende kieferorthopädischer Behandlung mit festsitzenden Apparaturen
  • zum Schutz vor Kronenrandkaries.

Vor der Behandlung

Vor der Behandlung empfiehlt sich eine professionelle Reinigung der zu behandelnden Risikoflächen, wobei die Reinigung allerdings nicht zwingend erforderlich ist, da der Lack auch eine – dünne – Plaqueschicht durchdringen kann.

Das Verfahren

Nach der Reinigung werden die Zähne beispielsweise quadrantenweise (je eine Ober- bzw. Unterkieferseite) trockengelegt. Dabei ist eine relative Trockenlegung mit Watterollen, kleinem Speichelzieher und Trocknung mit der Luftdüse ausreichend. Nun erfolgt mit Hilfe einer Mikrobrush (eines kleinen Bürstchens) die punktgenaue Applikation des Lackes auf die Risikoflächen. Danach muss eine Trocknungszeit von 30 Sekunden ohne Zuhilfenahme der Luftdüse eingehalten werden. Der Patient darf unmittelbar nach der Applikation nicht spülen.

Nach der Behandlung

Nach der Behandlung darf der Patient nach Herstellerangaben eine Stunde lang nicht essen und auch nicht trinken. Frühere Empfehlungen waren durchaus restriktiver und schlossen sogar das Zähneputzen für einen Tag sowie die Anwendung von Zahnseide für drei Tage aus. Da eine möglichst lange Lackretentionsdauer erstrebenswert ist, können diese älteren Pflegeanweisungen durchaus noch als sinnvoll betrachtet werden.

Literatur

  1. Tinschert J: Zahnheilkunde in Checklisten: Diagnose, Therapie, Materialien, Instrumente. Spitta-Verlag 2002
  2. Laurisch L: Individualprophylaxe: Diagnostik und Therapie des individuellen Kariesrisikos. Deutscher Zahnärzte Verlag 2000
  3. Herstellerinformationen der Firma Ivoclar Vivadent

     
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