Kariesrisikobestimmung: Methoden im Überblick

Kariesrisikobestimmung umfasst strukturierte Verfahren zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines definierten Zeitraums neue kariöse Läsionen (Kariesstellen) zu entwickeln. Sie dient der individualisierten Prävention (Vorbeugung), der Festlegung von Recallintervallen (Kontrollabständen) sowie der Auswahl geeigneter prophylaktischer (vorbeugender) und therapeutischer (behandelnder) Maßnahmen.

Karies ist eine multifaktorielle (durch mehrere Ursachen bedingte), biofilmabhängige Erkrankung der Zahnhartsubstanzen. Für die Risikoabschätzung ist kein einzelner Parameter entscheidend, sondern das Zusammenspiel von Karieserfahrung, Initialläsionen (frühen Schädigungen), Plaquebelastung (Zahnbelag), Ernährungsgewohnheiten, Fluoridexposition, Speichelfunktion, Mundhygiene und weiteren patientenspezifischen Faktoren.

Synonyme

  • Kariesrisikoanalyse
  • Karies-Risikoabschätzung
  • Caries Risk Assessment (CRA)
  • Individuelle Kariesprognose

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Klinische zahnärztliche Untersuchung
    • Erhebung der Kariesanamnese
    • Dokumentation von Initialläsionen und Kavitationen (Löchern im Zahn)
    • Ernährungs- und Fluoridanamnese
    • Gegebenenfalls Speicheltests auf Streptococcus mutans und Laktobazillen
    • Gegebenenfalls Bestimmung der Speichelfließrate und Pufferkapazität
  • Vorbereitung des Patienten
    • Vor Speicheltests möglichst mindestens 1 Stunde keine Nahrungsaufnahme, kein Trinken und kein Zähneputzen
    • Bei Speichelfunktionsdiagnostik standardisierte Bedingungen anstreben
  • Störfaktoren
    • Antibiotikatherapie oder antiseptische Mundspüllösungen
    • Kurzfristige Ernährungsumstellungen
    • Xerostomie (Mundtrockenheit), Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme vieler Medikamente), Allgemeinerkrankungen
    • Akute entzündliche Veränderungen im Mundraum
    • Begrenzte Standardisierung mikrobiologischer (Bakterien betreffender) Speicheltests
  • Methode
    • Erfassung klinischer, anamnestischer (die Krankengeschichte betreffender) und gegebenenfalls speichelbasierter Risikomarker
    • Bewertung mittels strukturierter Risikomodelle oder definierter klinischer Kriterien
    • Praktisch relevante Verfahren sind insbesondere DAJ-Kriterien, Dentoprog-Methode und Cariogram
    • International werden zusätzlich CAMBRA-basierte Konzepte verwendet

Normbereiche (je nach Verfahren)

Subgruppe Referenzbereich / Einordnung
Niedriges Kariesrisiko Keine neue Karies in den letzten 12 Monaten, keine aktiven Initialläsionen, günstige Mundhygiene- und Fluoridverhältnisse
Erhöhtes Kariesrisiko Vorhandene Karieserfahrung, Initialläsionen, erhöhte Plaquebelastung, häufige Zuckeraufnahme, eingeschränkte Speichelfunktion
Hohes Kariesrisiko Neue kariöse Läsionen innerhalb der letzten 12 Monate, multiple aktive White-Spot-Läsionen (Kreideflecken), manifeste Kavitationen oder ausgeprägte Xerostomie

Normbereiche und Grenzwerte sind verfahrens-, populations- und altersabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Erstbeurteilung des individuellen Kariesrisikos bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
  • Festlegung von Recallintervallen
  • Planung intensitätsangepasster Prophylaxemaßnahmen
  • Verlaufskontrolle nach Fluoridierungs-, Ernährungs- oder Mundhygienemaßnahmen
  • Patienten mit Xerostomie, Polypharmazie, Strahlentherapie (Bestrahlungsbehandlung) oder Allgemeinerkrankungen
  • Patienten mit festsitzenden kieferorthopädischen Apparaturen (festen Zahnspangen)
  • Gruppenprophylaxe und populationsbezogene Risikostratifizierung (Einteilung nach Risiko) im Kindesalter

Interpretation

  • Erhöhte Werte / erhöhtes Risiko
    • Die frühere Karieserfahrung ist der stärkste klinische Einzelprädiktor (Vorhersagefaktor) für zukünftige Karies.
    • Initialläsionen, insbesondere White-Spot-Läsionen, sprechen für eine aktive Demineralisation (Entkalkung) und ein erhöhtes Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens).
    • Häufige Zuckeraufnahme, hohe Plaquebelastung und unzureichende Fluoridexposition erhöhen das Risiko deutlich.
    • Verminderte Speichelfließrate und reduzierte Pufferkapazität begünstigen ein kariogenes Milieu (kariesfördernde Umgebung).
    • Hohe Nachweise von Streptococcus mutans und Laktobazillen sind mit erhöhtem Risiko assoziiert (verbunden), isoliert jedoch nur begrenzt prädiktiv.
  • Erniedrigte Werte / niedriges Risiko
    • Keine Kariesanamnese, keine aktiven Initialläsionen und günstige Mundhygiene
    • Regelmäßige Fluoridanwendung und niedrige Zuckerfrequenz
    • Normale Speichelfließrate und adäquate (ausreichende) Pufferkapazität
  • Spezifische Konstellationen
    • Mikrobiologische Einzeltests sind heute eher als Marker eines bestehenden kariogenen Ökosystems einzuordnen als als alleinige Prädiktoren neuer Läsionen.
    • Multifaktorielle Modelle sind Einzelparametern prognostisch überlegen.
    • Die Kariesrisikobestimmung ist kein statischer Befund, sondern muss im Verlauf wiederholt überprüft werden.

Weiterführende Diagnostik

  • Bestimmung der Speichelfließrate
  • Puffer-Kapazitätsbestimmung
  • Speicheltest auf Streptococcus mutans
  • Speicheltest auf Laktobazillen
  • Plaque-Index bzw. Approximalraum-Plaque-Index
  • Ernährungsprotokoll
  • Fluoridanamnese
  • Gegebenenfalls radiologische (röntgenologische) Kariesdiagnostik

Dentoprog-Methode

Die Dentoprog-Methode wurde für Kinder im Alter von 6-12 Jahren entwickelt. In die Berechnung gehen klinische Befunde ein, insbesondere:

  • Anzahl kariesfreier Milchmolaren (Backenzähne)
  • Anzahl bleibender Molaren mit Fissurenverfärbungen (Verfärbungen in den Kauflächenrillen)
  • Anzahl von White-Spot-Läsionen an den ersten bleibenden Molaren
  • Alter des Kindes

Das Ergebnis wird als Punktwert zwischen 0 und 100 angegeben.

  • Interpretation
    • 0-20 Punkte: niedriges Risiko
    • 21-50 Punkte: moderates Risiko
    • > 50 Punkte: hohes Risiko

Die Methode ist einfach anwendbar, aber altersbezogen auf Kinder zwischen 6 und 12 Jahren beschränkt.

Kriterien der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ)

Die DAJ definiert die Kinder mit der höchsten Karieserfahrung ihrer Altersgruppe als Hochrisikogruppe. Grundlage ist der dmft-/DMFT-Index.

Alter Hochrisikogrenze
2-3 Jahre dmft > 0
4 Jahre dmft > 2
5 Jahre dmft > 4
6-7 Jahre dmft oder DMFT > 5 bzw. DT > 0
8-9 Jahre dmft oder DMFT > 7 bzw. DT > 2
10-12 Jahre DMFS >0 an Approximal- oder Glattflächen (Zahnzwischen- oder glatten Zahnflächen)
  • d = decayed
  • m = missing
  • f = filled
  • t = teeth
  • s = surfaces

Die DAJ-Kriterien sind insbesondere für Reihenuntersuchungen und Gruppenprophylaxe relevant. Ihre Limitation (Einschränkung) besteht darin, dass vor allem die bereits eingetretene Karieserfahrung abgebildet wird.

Cariogram

Das Cariogram ist ein computergestütztes, multifaktorielles Verfahren zur Kariesrisikostratifizierung. Es berücksichtigt in unterschiedlicher Gewichtung unter anderem:

  • Karieserfahrung
  • Allgemeinerkrankungen
  • Ernährungsgewohnheiten und Zuckerfrequenz
  • Plaquemenge
  • Fluoridanwendung
  • Speichelfließrate
  • Pufferkapazität
  • Streptococcus mutans
  • Klinische Gesamteinschätzung

Das Ergebnis wird als Kreisdiagramm dargestellt und visualisiert die Chance, in einem definierten Zeitraum kariesfrei zu bleiben.

  • Interpretation
    • Großer grüner Anteil: höhere Chance, kariesfrei zu bleiben
    • Kleiner grüner Anteil: erhöhtes Kariesrisiko
    • Das Verfahren ist für die Patientenkommunikation (Gespräch mit dem Patienten) besonders anschaulich.
    • Die prognostische Genauigkeit ist moderat und zwischen Populationen variabel.

Literatur

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  5. Paul P, Kalghatgi S, Dalvi T et al. Advancing Dental Risk Profiling: A Literature Review of the Cariogram Model. Cureus. 2025;17(3):e80069. https://doi.org/10.7759/cureus.80069