Milchzähne – wie lange sollten sie erhalten werden?

Milchzähne (Milchzahn: dens deciduus (von lat.: dens "Zahn", und decidere "hinfallen") bis zum physiologischen (natürlichen) Zahnwechsel gesund zu erhalten ist das angestrebte Ziel. Der physiologische Zahnwechsel wird von den auf die Milchzähne folgenden bleibenden Zähnen durch die Resorption der Milchzahnwurzeln und der damit einhergehenden Lockerung ausgelöst.

Leider lässt sich dieses Ziel trotz beachtlicher Prophylaxeerfolge im Kindesalter nicht immer realisieren. Übermäßiger Konsum zuckerhaltiger Nahrungsmittel und Getränke führt in Kombination mit unzureichender Mundhygienemaßnahmen zu teilweise ausgeprägten kariösen Läsionen und multipler Karies (Karies an vielen Zähnen). Die Ursachen hierfür sind letztendlich auch heute noch  im mangelhaften Wissen der Eltern über die richtige Ernährung und Mundhygienetechnik zu suchen; denn diese sind bis zum vollendeten 6. Lebensjahr und, abhängig von der manuellen Geschicklichkeit und Mitarbeit des Kindes, oft noch darüber hinaus angehalten, die Zahnpflege ihres Kindes konsequent und regelmäßig auszuführen bzw. motivierend zu begleiten.

Während die Extraktion (Entfernung) eines Milchschneidezahns zwar Sprechprobleme und die Ausbildung von Dyskinesien (fehlerhafter Bewegungsablauf vor allem der Zungenmuskulatur) begünstigen kann, in den meisten Fällen für den weiteren Verlauf des Zahnwechsels aber unproblematisch ist, muss bei den Backenzähnen bedacht werden, dass ihr frühzeitiger Verlust mit großer Wahrscheinlichkeit einen Stützzoneneinbruch durch Aufwanderung des Sechsjahrmolaren der 2. Dentition (der bleibenden Zähne) und einen erschwerten Durchbruch der Prämolaren (vorderen Backenzähne des bleibenden Gebisses) zur Folge haben wird.

Ursachen für vorzeitige Exfoliation (vorzeitigen Milchzahnverlust)

Ein Milchzahn gilt als vorzeitig verloren, wenn der ihm nachfolgende bleibende Zahn noch mehr als ein Jahr für den Durchbruch benötigt. Die häufigsten Ursachen – neben einem sehr geringen Aufkommen seltener Erkrankungsbilder – sind:

  • Trauma (Unfall); besonders betroffen sind hiervon die Frontzähne (Schneide- und Eckzähne); dies geht mit Luxationen (Lockerungen) und gegebenenfalls Wurzelfrakturen (Wurzelbrüche) einher;
  • tiefer kariöser Befall; als Folge einer tiefen Karies kommt es zur Zahnmarkentzündung, die anders als beim bleibenden Zahn, in vielen Fällen bereits die Indikation zur Extraktion (chirurgischen Entfernung des Zahns) darstellt;
  • kieferorthopädische Indikationsstellungen zur Extraktion (Entfernung) eines oder mehrerer Milchzähne wie z. B. gesteuerte Extraktion, Durchbruchsbehinderung oder  Ausgleichsextraktionen bei Zahnunterzahl in der 2. Dentition.

Eine tiefe Karies kann dadurch entstehen, dass:

  • mitarbeitsfähige Kinder zu spät zur Behandlung vorgestellt werden,
  • bei Kindern mit mangelhafter Compliance (Mitarbeit) diese erst langsam erarbeitet werden muss und dadurch die Kariestherapie zu spät einsetzt oder
  • Eltern die in manchen Fällen unausweichliche Behandlung der kariösen Läsionen in Intubationsnarkose (ITN) ablehnen.

Diagnostik

Um die Erhaltungsfähigkeit eines kariös befallenen Milchzahnes beurteilen zu können, bedarf es einer klinischen Befundbeurteilung und, sofern kooperationsbedingt möglich und unter kritischer Indikationsstellung angezeigt, ergänzender Röntgenaufnahmen.

Therapie

Die zu wählende Therapie ist vom Entwicklungszustand des sich in der Furkation (Gabelung) des Milchzahnes entwickelnden bleibenden Zahnes abhängig. Als Anhaltspunkt für die Therapieplanung gilt ein klinisch sichtbarer Defekt des Milchzahns; liegt beispielsweise nur ein Randleisteneinbruch vor, muss bereits mit der Möglichkeit einer Pulpaeröffnung während des Exkavierens (Entfernung der Karies) gerechnet werden. Nach Pulpaeröffnung unterscheidet sich die Vorgehensweise entwicklungsabhängig:

  • zeigt sich röntgenologisch eine noch vollständig entwickelte Wurzel, so ist bei Eröffnung der Pulpa (des Zahnmarks) je nach deren Entzündungsgrad eine Pulpotomie (Entfernung der Kronenpulpa) oder der Versuch einer sehr vorsichtigen Wurzelbehandlung ohne Überinstrumentierung (Arbeiten mit  Wurzelkanalinstrumenten über die Wurzelspitze hinaus) möglich;
  • hat die Wurzelresorption bereits begonnen, ist aber erst weniger als ein Drittel der Wurzel resorbiert, so besteht bei Pulpaeröffnung nur noch die Möglichkeit einer Pulpotomie als Erhaltungsversuch; scheitert diese, muss der Zahn extrahiert (gezogen) werden.
  • ist die Wurzelresorption bereits über das erste Wurzeldrittel hinaus fortgeschritten, ist die Therapie der Wahl bei einer Pulpaeröffnung die Extraktion des Milchzahns.

Des Weiteren wird man in der Regel die Extraktion einem Erhaltungsversuch vorziehen bei:

  • schlechtem Allgemeinzustand,
  • nach einem bereits abgelaufenen Abszess im Apex- oder Furkationsbereich (Wurzelspitzen- oder Gabelungsbereich),
  • bei Komplikationen, die sich aus der problematischen Anatomie der Milchzahnwurzel während einer Wurzelkanalbehandlung ergeben,
  • bei jedem Verdacht, dass der Zahnkeim geschädigt werden könnte,
  • bei einer Ankylose (Verwachsung der Milchzahnwurzel mit dem umgebenden Knochen), die zum Durchbruchshindernis des Nachfolgers werden kann.

Literatur

  1. Gängler P, Hoffmann T, Willershausen B, Schwenzer N, Ehrenfeld M: Zahn- Mund- und Kieferheilkunde. Konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2005
  2. Weber T: Memorix Zahnmedizin. Georg Thieme Verlag 2010
  3. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: Wie lange soll ein Milchzahn erhalten werden?; Stellungnahme der DGZMK 2/03

     
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