Vorschubdoppelplatte

Die Vorschubdoppelplatte (VD, VSD) ist ein kieferorthopädisches Behandlungsgerät zur Therapie einer Angle Klasse II (Unterkieferrücklage, Distalbiss). Es wurde entwickelt von Schwarz und später von Sander modifiziert.

Man unterscheidet folgende Angle-Klassen:

  • I – Neutralbiss (korrekte Verzahnung)
  • II – Distalbiss (Unterkieferrücklage)
    • II-1 – Distalbiss mit protrudierter (vorstehender) Oberkieferfront
    • II-2 – Distalbiss mit retrudierter (zurückstehender) Oberkieferfront
  • III – Mesialbiss (Unterkiefer liegt zu weit vorn)

Eine Vorschubdoppelplatte vereint die Möglichkeiten der Funktionskieferorthopädie mit denen der aktiven Plattenapparaturen.

Das Verfahren 

Eine Vorschubdoppelplatte besteht aus zwei aktiven Platten für den Ober- und Unterkiefer.

Um festzulegen, in welche Position der Unterkiefer mittels VSD gebracht werden soll, wird ein Konstruktionsbiss genommen. Hierzu werden die beiden Kiefer in die Position gebracht, die später mit Hilfe der VSD erreicht werden soll. Dabei wird eine erwärmte Wachsplatte oder etwas plastisches Material auf die Zahnreihen aufgebracht und der Kiefer dann, geführt durch den erfahrenen Kieferorthopäden, in der angestrebten Position geschlossen. Nach dem Aushärten des Materials kann dieser Biss zusammen mit Abdrücken beider Kiefer zur Herstellung der Platte an ein kieferorthopädisches Labor gegeben werden. Dort werden in einem Artikulator (künstliches Kiefergelenk) die Platten hergestellt.

An der Oberkieferplatte werden mittig Führungssporne- oder Stege angebracht, die beim Mundschluss bewirken, dass der Unterkiefer in einer weiter anterior (vorn) liegende Position gebracht werden muss. Die Stege gleiten beim Schließen über eine an der Unterkieferplatte eingearbeitete schiefe Ebene in die korrekte Position. Dabei ist die schiefe Ebene in einem Winkel von 60° zur Okklusionsebene geneigt.

Die Stege können auch seitlich an der Oberkieferplatte angebracht sein (Müller-Sporne).

Gleichzeitig kann durch die aktiven Platten eine transversale Ausformung der Zahnbögen (Verbreiterung) und die Bewegung einzelner Zähne erfolgen. Bei lückiger, protrudierter (vorstehender) Oberkieferfront kann ein Zungengitter an die Apparatur angebracht werden, um die Zunge von den Frontzähnen abzuhalten und so eine korrekte Ausformung der Front zu erreichen.

Das Gerät wird eingesetzt, wenn das Wachstum der Kinder am größten ist, da durch die Vorverlagerung kondyläres Wachstum verstärkt und ausgenutzt werden soll. Voraussetzung für die Wirkung ist der Mundschluss, daher ist eine Compliance (Mitarbeit) der Kinder sehr wichtig.

Die Platten müssen etwa 14-16 Stunden täglich getragen werden. Zum Sport müssen sie herausgenommen werden.

Die Vorschubdoppelplatte kann auch als Rückschubdoppelplatte hergestellt werden, sodass eine Rückverlagerung des Unterkiefers bei mesialer Bisslage (Unterkiefer liegt zu weit vorn) möglich ist.

Ihr Nutzen

Die Unterkieferrücklage, der Distalbiss, ist die häufigste Fehlstellung in der Kieferorthopädie. Die optimalsten Behandlungsergebnisse werden erzielt, wenn Kinder bereits während des Wachstums behandelt werden. Zahn- und Kieferfehlstellungen werden schon in ihrer Entstehung beeinflusst, um ein harmonisches, funktionell und ästhetisch optimales Ergebnis zu erreichen.

Literatur

  1. Diedrich P (Hrsg): Kieferorthopädie III. Praxis der Zahnheilkunde. Studienausgabe. Urban & Fischer / Elsevier Verlag 2005
  2. Harzer W: Lehrbuch der Kieferorthopädie. Deutscher Ärzteverlag 1999
  3. Kahl-Nieke B: Einführung in die Kieferorthopädie. Deutscher Ärzte-Verlag 2010

     
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